252  WeıssexnreLs:  Das  Lateinische.

Besondere,  was  ihm  beim  späteren  Lesen  aufstößt,  in  Zusätzen  zu  den  Hauptregeln
  eine  Erklärung  findet.  Soll  der  lateinische  Unterricht  seine  disziplinierende
  Kraft  behalten,  so  kann  dem  Schüler  nicht  beim  Schreiben  alles  gestattet
sein,  was  Dichter  oder  Prosaiker,  die,  wie  Tacitus,  dem  Natürlichen  oft  geradezu
aus  dem  Wege  gehen,  gelegentlich  gesagt  haben.  Auch  für  derartiges  sollen
doch  aber  Erklärungen  geboten  werden.  Der  grammatische  Unterricht  darf
sich  nicht  daran  genügen  lassen,  das  in  elementaren  Schulexerzitien  Verwendbare
  zu  lehren:  er  muß  jedenfalls  das  Latein  aller  auf  der  Schule  gelesenen
Schriftsteller  zu  umfassen  suchen,  wenn  er  auch  das  Haupt:ewicht  auf  die
Sprache  Cäsars  und  Üiceros  legt.

Es  kommt  beim  altsprachlichen  Unterrichte  nicht  bloß  darauf  an,  daß  Lateinisch
  und  Griechisch  zum  Zwecke  der  Lektüre  gelernt  werde,  sondern  daß
es  auch  auf  eine  für  den  Geist  fruchtbare  Art  gelernt  werde.  Ist  die  Sprache
ja  doch  das  edelste  Produkt  der  menschlichen  Seele  überhaupt  und  zugleich
das  im  höchsten  Grade  charakteristische  Produkt  der  Volksseele  Richtig  gelehrt,
  lehrt  sie  mehr  und  Wichtigeres  als  tausend  auf  der  Oberfläche  des  Lebens
aufgesaınmelte  Realien,  und  gäbe  man  selbst  Abbildungen  oder  gar  körperliche
Ausführungen  bei.  Den  Gesetzen  einer  fremden,  von  der  unsrigen  wesentlich
  verschiedenen  Sprache  nachdenkend,  stählt  der  Schüler  seine  geistige
Kraft.  Doch  auch  den  psychologischen  Motiven,  die  das  logische  Motiv  oft
durchbrechen,  wie  H.  Ziemer  im  Vorwort  zu  seiner  Grammatik  sagt,  muß  reichlich
  Rechnung  getragen  werden.  Dazu  werden  sich  etymologische  und  synonymische
  Betrachtungen  auf  allen  Stufen  des  Unterrichts  gesellen,  auch  Betrachtungen
  über  die  Abweichungen  von  dem  der  Etymologie  Gemäßen,  über
die  Wandlungen  der  Wortbedeutungen,  welche  für  die  Denkart  der  Zeiten  und
Völker  so  charakteristisch  sind,  über  die  glücklich  ausgeprägten  wie  über  die
unzureichenden  Bezeichnungen  innerer  Zustände.  Wer  in  dem  Sprachunterrichte
  nur  etwas  Lästiges  und  Langweiliges,  aber  leider  Unentbehrliches  erblickt,
um  zum  Lesen-  und  Sprechenkönnen  zu  gelangen,  ahnt  eben  nicht,  wieviel  sich
dabei  für  die  Klärung  und  Vertiefung  des  menschlichen  Innern  gewinnen  läßt.

Natürlich  soll  man  auf  allen  Stufen  zugleich  den  praktischen  Rücksichten
Rechnung  tragen.  Das  gilt  von  der  Methode  wie  von  der  Reihenfolge,  in
welcher  die  sprachlichen  Gebilde  zu  behandeln  sind.  Was  die  Methode  betrifft,
so  kann  man  unmöglich  den  Schüler  selbst  alles  finden  lassen;  aber  auch  ihm
alles  einfach  mitzuteilen  wäre  verkehrt.  Die  Induktion  sei  ein  belebendes  Eleınent
  des  Unterrichts,  aber  sie  mache  sich  nicht  zu  breit.  Die  Gelegenheiten
an  bekannte  Erscheinungen  der  Muttersprache  anzuknüpfen,  auf  Analoges  in
anderen  Sprachen  binzuweisen,  nutze  man  fleißig  aus.  Vor  allem  übe  man
sich  darin,  die  sprachlichen  Gesetze  in  sinnvollen  und  glücklich  formulierten
Sätzen  verkörpert  zu  zeigen,  im  Anfang  isoliert,  später  zusammen  mit  dem
früher  Behandelten,  was  man  nie  bis  zur  Tiefe  der  Vergessenheit  herabsinken
lassen  daıf.  Auch  im  engeren  Sinne  sprachwissenschaftliche  Kenntnisse  ziemen
dem  Lehrer  fremder  Sprachen:  er  lasse  sie  beim  Unterrichte  auf  der  unteren
Stufe  latent  bleiben,  auf  der  oberen  Stufe  mag  er  sie  diskret  hervortreten