954  Weissenreis:  Das  Lateinische,

Wie  soll  man  einen  alten  Autor  auch  verstehen,  wie  ihn  auch  nur  mit  leidlichem
  Geschick  übersetzen,  wenn  man  in  die  zahlreichen  leisen  und  starken
Betonungsmittel  der  körperlich  so  reichen  alten  Sprachen  keine  bewußte  Einsicht
  gewonnen  hat?  Man  muB  nur  nicht  glauben,  daß  die  ornamenta  extrinsecus
  allata  das  Objekt  der  Stilistik  seien.  Die  Stilistik  einer  Sprache  handelt
vielmehr  von  den  eigentümlichen  Tendenzen  dieser  Sprache  und  von  den  Mitteln,
durch  welche  sie  den  Gedanken  über  das  Grobverständliche  hinaus  sinnig,  fein,
wirkungsvoll  gestaltet.  Deshalb  redet  man  von  grammatischer  Korrektheit,
aber  von  stilistischer  Feinheit.  Sich  an  dem  Grammatischen  genügen  lassen
und  auf  das  Stilistische  wie  auf  überflüssigen  Kram  verzichten  ist  wahre  Banausie.
Dabei  ist  es  unpraktische  Zeitvergeudung.  Denn  das  Verständnis,  welches
durch  eine  rein  grammatische,  auf  alles  Stilistische  verzichtende  Beschäftigung
von  den  römischen  Schriftstellern  gewonnen  werden  kann,  würde  sich  viel  müheloser
  aus  Übersetzungen  gewöhnlichen  Schlages  gewinnen  lassen,  wie  sie  jeder
dieser  Sprache  leidlich  Kundige  herstellen  kann.  In  dem  elementaren  Kursus
der  Stilistik  handelt  es  sich  um  gewisse  immer  wiederkehrende  Handgriffe,
durch  welche  man  für  das  Unzureichende  der  Darstellungsmittel  bald  des
Deutschen,  bald  des  Lateinischen  Ersatz  zu  schaffen  sucht.  Hierher  gehören
z.  B.  die  Umänderungen,  welche  wegen  der  Armut  des  Lateinischen  an  Substantiven
  nötig  werden.  Zum  höheren  Kursus  der  Stilistik  aber  gehört  es,  sich
des  sinnlichen,  naiveren,  sozusagen  ehrlicheren  Charakters  des  Lateinischen  wie
des  Griechischen  bewußt  zu  werden.  Selbst  die  Abstrakta,  die  sie  besitzen,
werden  von  den  Römern  lieber  durch  Bestimmteres  und  Greifbareres  ersetzt
In  dieser  Weise  Gedachtes  noch  einmal  zu  denken,  bringt  Gewinn  und  arbeitet
der  ältlichen,  hyperabstrakten,  phrasenhaften,  lügnerischen  Modernität  entgegen.
Die  Stilistik  als  höherer  Kursus  der  Grammatik  schafft  also  eine  feinere  formale
  Bildung.  Für  das  Ziel  des  Gymnasiums  ist  es  demnach  nicht  ausreichend,
Schriftsteller  von  reichem  und  passendem  Gedankengehalt  zu  lesen:  es  müssen
zugleich  solche  sein,  die  antike  Gedanken  in  antiker  Weise  gedacht  und  ausgedrückt
  bieten.  Das  gilt  ebenso  von  der  Satzbildung  wie  von  der  Syntax  und
vom  Wortgebrauch.  Auch  eine  abgegriffene  Sprache  kann,  wie  das  Englische
beweist,  ein  treffliches  literarisches  Instrument  sein.  Soll  aber  durch  schulmäßiges,
  langsames  Lesen  die  Denkweise  der  Alten  lebendig  gemacht  und  von
ihrer  Jugendlichkeit  etwas  in  die  Seelen  hinübergeleitet  werden,  damit  dadurch
ein  heilsames  Gegengewicht  geschaffen  werde  gegen  das  Moderne,  so  wird  man
gut  tun,  sich  in  dem  Kreise  der  Schriftsteller  zu  halten,  bei  denen  die  Worte
noch  nicht  erstarrte  Zeichen  sind  und  in  deren  Schreibart  sich  der  unverfälschte
Geist  des  Altertums  spiegelt.  Nur  Schriftsteller,  die  durch  andere  hervorragende
Eigenschaften  für  einen  Mangel  in  dieser  Hinsicht  Ersatz  bieten,  können  in  den
Kanon  der  Schullektüre  zugelassen  werden.  Solche  sind  unter  den  Römern
z.  B.  Tacitus  und  Seneca,  die  manche  glückliche  und  echt  lateinische  Weiterbildung
  haben,  daneben  aber  vieles,  was  schon  auf  dem  Wege  zum  Modernen
liegt.  An  geistvollen  Schriftstellern  haben  auch  die  modernen  Literaturen  keinen
Mangel:  was  für  die  Jugendbildung  not  tut,  sind  Schriftsteller,  die  bei  aller