Das  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  ins  Lateinische.  955

Männlichkeit  und  Reife  doch  von  naiver  Denk-  und  Schreibart  sind.  Jedenfalls
aber  gewinnt  die  zeit-  und  kraftraubende  Beschäftigung  mit  dem  Griechischen
und  Lateinischen  auf  dem  Gymnasium  erst  Sinn  und  Berechtigung,  wenn  man
die  Alten  nicht  bloß  durch  ihren  Inhalt,  sondern  auch  durch  die  Art,  wie  sie
diesen  Inhalt  darbieten,  wirken  läßt.  Dazu  aber  gehört  eine  gründliche  Kenntnis
  der  Sprache,  und  zwar  nicht  bloß  der  elementaren  Grammatik,  sondern  auch
der  Stilistik,  Rhetorik,  Synonymik.

Für  die  lateinische  Stilistik  sei  außer  auf  Nägelsbach,  bearbeitet  von  J.  Müller
(Leipzig,  Brandstetter),  auch  auf  E.  Berger  (Coburg,  Karlowa),  O.  Drenckhahn
(Weidmann),  R.  Klotz  (Teubner),  M.  Heynacher  (Paderborn),  A.  Haacke  (Weidmann),
  C.  Hense  (Parchim)  verwiesen.

4.  Die  Übungen  im  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  ins  Lateinische
  sind  in  dem  letzten  Jahrhundert  sehr  im  Kurse  gesunken.  Vornehmlich
sind  sie  von  seiten  der  Herbartianer  angefeindet  worden.  Es  tat  auch  not,
daran  zu  erinnern,  daß  der  altsprachliche  Unterricht  noch  andere  Aufgaben  zu
erfüllen  hat,  als  in  dieser  Art  des  Übersetzens  zu  üben.  Aber  man  schoß  in
seinem  Eifer  für  die  Sachen  und  in  seinem  Haß  gegen  formale  Übungen  weit
über  das  Ziel  hinaus.  Bisweilen  hörte  man  von  den  Pädagogen  dieser  Richtung
es  geradezu  als  ein  Zeichen  geistiger  Inferiorität  bezeichnen,  wenn  ein  Schüler
sich  für  diese  Seite  des  Unterrichts  mit  Eifer  und  Erfolg  bemühte.  Jeder
Lehrer  des  Lateinischen  und  Griechischen  aber  weiß,  daß  die  Besten  ihre  ganze
Kraft  nötig  haben,  um  in  dieser  Hinsicht  zu  genügen.  Man  muß  auch  zugestehen,
  daß  diese  Übungen  recht  dazu  gemacht  sind,  an  ein  angestrengtes,
nach  allen  Seiten  aufmerksames  Arbeiten  zu  gewöhnen.  Im  Vergleich  zu  dem,
was  er  hierbei  leisten  soll,  erscheint  dem  Schüler  das  Übersetzen  aus  der  alten
Sprache  als  das  bei  weitem  Leichtere.  So  ungefähr  den  Sinn  des  Schriftstellers
zu  erfassen,  gelingt  ja  bald,  und  mit  den  reichen  Mitteln,  die  selbst  dem  Unmündigen
  die  Muttersprache  zur  Verfügung  stellt,  bereitet  es  nicht  so  gar  große
Verlegenheiten,  das  Gelesene  d’une  maniere  telle  quelle  wiederzugeben.  Um
aber  eine  Seite  aus  dem  Deutschen  ins  Lateinische  korrekt  und  leidlich  geschickt
  zu  übersetzen,  dazu  muß  der  Schüler,  fortwährend  gegen  seine  natürliche
  Bequemlichkeit  ankämpfend,  durch  starken  Druck  tausenderlei,  was  er
weiß,  bis  zur  Schwelle  seines  Bewußtseins  emporpumpen,  nach  allen  Seiten  die
Augen  offen  halten,  wählen  und  entscheiden  und  ist  zuletzt  froh,  wenn  er  nicht
zu  vieles  übersehen  hat.  Es  ist  das  eine  sehr  wirkungsvolle  Schulübung,  ein
wahres  Exercitium.  Mag  auch  der  positive  Ertrag  dieser  Anstrengungen  nicht
gerade  glänzend  sein,  sie  erziehen  zur  Gründlichkeit  und  schärfen  den  Blick
für  die  mannigfaltigen  Schwierigkeiten  des  lateinischen  und  griechischen  Textes.
Außerdem  kann  auch  ein  Lehrer  von  mittleren  Fähigkeiten  ihnen  viel  abgewinnen.
  Daß  bei  diesen  Übungen  alles  auf  ein  Kramen  mit  Worten  hinauslaufe,
  ist  nicht  wahr.  Was  hindert  denn  den  Lehrer  oder  das  Übungsbuch,  zugleich
  einen  passenden  Inhalt  zu  bieten?  Allerdings  wird  man  gut  tun,  Stoffe
zu  wählen,  die  keiner  eingehenden  sachlichen  Erklärung  bedürfen.  Damit  soll
aber  nicht  gesagt  sein,  daß  in  dem  Extemporale  das  eben  Gelesene  reproduziert