956  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

werden  müsse.  Ein  solches  Wiederkäuen  ist  sogar  als  unappetitlich  zu  widerraten.
  Auch  soll  man  sich  in  lexikalischer  Hinsicht  nicht  ängstlich  in  dem
engen  Kreise  einiger  zuletzt  gelesenen  Kapitel  des  Klassenschriftstellers  halten.
Das  würde  diese  Übung  zu  einer  Scheinübung  herabdrücken,  und  ein  Schüler,
der  sich  gewöhnt  hätte,  immer  in  der  sicheren  Hoffnung  des  Findens  in  der
allernächsten  Nähe  nur  herumzusuchen,  würde  dadurch  mechanisch  in  seinem
Arbeiten  werden,  sich  aus  dem  engen  Kreise  seines  übersichtlichen  und  wohlgepflegten
  Gärtchens  bald  nicht  mehr  hinauswagen  und  vor  allem  Ungewohnten
scheu  zurückbeben.  Wie  es  ein  schlechtes  Übungsstück  ist,  welches,  ohne  das
früher  Durchgenommene  zu  resümieren,  nur  Gelegenheit  bietet,  den  aHerletzten
Paragraphen  der  Grammatik  anzuwenden,  so  ist  es  auch  in  lexikalischer  und
phraseologischer  Hinsicht  durchaus  notwendig,  den  Schüler  seinen  ganzen  schon
erworbenen  Schatz  immer  wieder  durchwühlen  zu  lassen.  Wer  von  ihm  nur
verlangt,  daß  er  von  der  obersten  Schicht  sich  einiges  abhebe,  macht  es  ihm
so  bequem,  daß  die  ganze  Übung  darüber  ihren  Sinn  verliert.

Der  Lehrer  muß  wissen,  wie  es  im  Kopfe  seiner  Schüler  aussieht.  Bald
wird  er  da  von  ihnen  Gewußtes  lateinisch  reproduzieren  lassen,  bald  mit  dem
gebotenen  Übersetzungstexte  an  Gewußtes  anknüpfen  und  es  in  leichtrerständlicher
  Weise  weiterspinnen.  Allerdings  soll  der  Schüler  nicht  bloß  Worte
übersetzen;  aber  man  soll  seinem  Kopfe  beim  Übersetzen  aus  dem  Deutschen,
während  er  mit  großen  und  mannigfaltigen  Schwierigkeiten  ringen  muß,  dem
Inhalte  nach  nicht  ganz  Neues  oder  geradezu  Befremdendes  zu  bewältigen  geben.
Man  wähle  zu  Übersetzungstexten  Episoden  der  alten  Geschichte,  denkwürdige
Momente  aus  dem  Leben  der  großen  Männer  des  Altertums,  lasse  von  gut  gewählten
  Punkten  aus  auf  den  eben  gelesenen  Schriftsteller  und  sein  Werk  Lichtstrahlen
  fallen,  spreche  darin,  soweit  es  mit  dem  vom  Schüler  erworbenen
Wortvorrat  geschehen  kann,  voh  den  privaten  und  öffentlichen  Lebensgewohnheiten
  der  Alten,  kommentiere  in  einfacher  und  klarer  Weise  Sprüche  der  antiken
  Lebensweisheit,  sie  zugleich  durch  Beispiele  aus  der  alten  Sage  und  Geschichte
  erläuternd.  Auch  diese  Übungen  gilt  es  für  die  Erkenntnis  des  Altertums
  fruchtbar  zu  machen,  und  der  Lehrer  selbst  kann  sich  nichts  Besseres
ersinnen,  um  sich  für  den  sprachlichen  Unterricht  tauglich  zu  machen,  als  wenn
er  nach  passendem  Inhalt  für  solche  Übersetzungsvorlagen  sucht  und  sich  solche
Texte  selbst  ausarbeitet.  Nur  so  wird  er  auch  dahin  gelangen,  lebendigen
grammatischen  Unterricht  erteilen  zu  können.  Wie  soll  das  der  auch  können,
der  nicht  imstande  ist,  der  fremden  Sprache  gemäßen  Gehalt  mit  einiger  Leichtigkeit
  in  dieser  Sprache  zu  gestalten?  Es  genügt  aber  nicht,  wie  aus  einem
großen  Sacke  einzelne  Sätzchen  und  Sätze  immer  hervorzuholen:  man  muß  zugleich
  das  angeschlagene  Thema,  im  Anschluß  bald  an  verkehrte,  bald  an
richtige  Antworten,  weiterentwickeln  und  variieren  können.  Nichts  hemmt  den
Lehrer  so  in  seiner  Entwicklung,  wie  der  bequeme  Gebrauch  gedruckter  Übersetzungsvorlagen.
  Jeder  normale  Mensch  besitzt  eine  gewisse  Erfindungs-  und
Gestaltungsgabe.  Diese  gilt  es  zu  entwickeln  und  zu  bilden.  Das  wird  den
meisten  anfänglich  große  Mühe  machen.  Zunächst  wird  ihnen  nur  Unbezeich-