Das  Übersetzen  aus  dem  Deutschen  ins  Lateinische  957

nendes  und  Nichtiges  einfallen.  Bald  aber  werden  ihnen  auch  Gedanken  mit
festen  Umrissen  zuströmen,  und  ihre  Geschicklichkeit  im  Ausnutzen  und  Formen
des  lateinischen  Sprachmaterials  wird  dann  sichtbar  zunehmen.  Um  sich  diese
Lehrzeit  des  sprachlichen  Lehrens  abzukürzen,  gibt  es  kein  besseres  Mittel,  als
mit  der  Feder  in  der  Hand  sich  auf  solche  Übungen  vorzubereiten.  Im  Anfang
mag  es  dann  dem  Lehrer  gestattet  sein,  auf  seine  ausgearbeiteten  Materialien
während  des  Unterrichts  zur  Stärkung  einen  Blick  zu  werfen.  Erst  dann  aber
ist  er  reif,  wenn  er,  den  Schülern  ins  Gesicht  sehend,  alles  in  dem  Augenblicke
frei  von  neuem  erfindet.  Jeder  Augenblick  des  Unterrichts  muß  die  notwendige
Folge  des  vorhergehenden  sein.  Erst  so  kommt  Festigkeit  und  Zusammenhang
in  die  einzelnen  Akte  der  Lehrtätigkeit.  Um  alle  günstigen  Gelegenheiten,
welche  die  richtigen  wie  die  falschen  Schülerantworten  bieten,  ausnützen  zu
können,  muß  der  Lehrer  beim  grammatischen  Unterrichte  große  Vorräte  passenden
  Übersetzungsstoffes  zum  Zugreifen  bereit  im  Kopfe  haben  und  sich  geschickt
gemacht  haben,  solche  Gedanken  schnell  in  den  sprachlichen  Formen,  die  gerade
geübt  werden  sollen,  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Darin  nun  eben  besteht  die
Kunst  beim  sprachlichen  Unterrichte,  daß  man,  die  Grammatik  einübend,  zugleich
  inhaltlich  Ansprechendes  zu  bieten  verstehe,  obgleich  es  in  solchen
Stunden  nicht  auf  eingehende  Erklärungen  und  Ausnutzungen  des  Inhaltes  ankommt.
  Dabei  ist  vor  zwei  Irrtümern  zu  warnen:  erstens  hat  man  heute  zu
große  Neigung,  herausgerissene  Lappen  militärischer  Geschichte  gleich  für  etwas
hervorragend  Gehaltvolles  zu  halten;  sodann  bespöttelt  man  Sätze,  die  ersonnene
Tatsachen  zum  Ausdruck  bringen  und  sogar  solche  gnomischen  Inhaltes  als
Trivialitäten.  Dem  gegenüber  möchte  ich  behaupten,  daß  unsere  Übungsbücher
heute  von  kriegsgeschichtlichen  Nichtigkeiten  wimmeln.  Anderseits  kann  etwas
unbestimmtes  Tatsächliches,  zunächst  nackt  hingestellt,  um  die  grammatische
Erscheinung  in  völliger  Isoliertheit  zu  zeigen,  doch  stets  leicht  zum  Zentrum
sinnvoller  Gestaltungen  gemacht  werden.  Wenn  ich  z.  B.  übersetzen  lasse:  Noli
iocari,  so  ist  das  für  den  negativen  Imperativ  ein  harmloses  Beispiel,  das  weder
unsinnig  ist,  noch  etwas  Rechtes  sagt.  Aber  es  läßt  sich  daraus  mancherlei
gestalten,  was  nicht  mehr  trivial  genannt  werden  kann.  Man  braucht  ja  nur,
früher  Behandeltes  dabei  zugleich  auffrischend,  mit  solchen  Bildungen  etwa
fortfahren  zu  lassen:  Angusti  est  animi,  quae  amicus  iocatus  est,  ea  in  malam
partem  accipere  —  Ad  iocandum  homines  facti  videntur  esse.  Sed  ne  desunt
quidem,  qui  numquam  iocentur.  —  In  mentem  mihi  venit  M.  Crassi,  Ayeiasrog
qui  vocatus  est,  quem  semel  dicunt  in  tota  vita  risisse.  —  Quid  quod  ne  philosophi
  quidem  a  dignitate  sua  alienum  putant  iocari.  Veluti  Socrates,  quamvis
esset  veritatis  amans  et  honestatis  appetens,  multa  iocabatur  vel  cum  philosophi
  fungebatur  munere  quaerebatque  cum  amicis  quid  hominem  deceret  dedeceretve.
  —  At  magistratum  decet  gravem  esse.  Audio.  Sed  consul  Üicero
in  illa,  quam  pro  Murena  habuit  oratione,  multa  iocatur  idque  lepissime.  Qua
audita  oratione  Cato,  vir  vere  Romanus,  quique  tamen  ipse  quoque  multa  dixit
iocose,  Quam  iocosum,  inquit,  consulem  habemus!  —  Die  Schüler  sind  für  ein

solches  Ausspinnen  eines  einfachen  Satzes  sehr  emipfänglich  und  finden  dann
Handbuch  für  Lehrer  hüherer  Schulen.  17