258  Weıssenreıs:  Das  Lateinische.

gar  nicht,  daß  die  Grammatik  und  die  grammatischen  Übungen  etwas  so  entsetzlich
  Langweiliges  und  ein  leider  notwendiges  Übel  seien.  Wer  darf  auch
sagen,  daB  das  „mit  Worten  kramen“  hieße?  Auch  in  den  Grammatikstunden
findet  sich,  selbst  wenn  man  aus  Prinzip  beim  Einüben  der  Grammatik  auf  alle
Erörterungen  über  den  Inhalt  verzichtet,  fortwährend  Gelegenheit,  Wertvolles
und  Unvergeßliches  aus  allen  Gebieten  des  Altertums  in  die  Köpfe  der  Schüler
hinüberzuleiten.  Im  Anfang  wird  der  Lehrer  gut  tun,  sich  aus  dem  Schriftsteller,
  der  seiner  Klasse  zugewiesen  ist,  selbst  Übungsmaterial  zusammenzusuchen.
  Doch  ist  dabei  wieder  vor  allen  seelenlosen  Einzelheiten  zu  warnen,
die  außer  ihrem  Zusammenhange  nichts  sagen  und,  abgeschnittenen  Blumen
ähnlich,  schnell  vertrocknen.  Namentlich  die  Lektüre  Cäsars  verführt  leicht  zu
solchen  Mißgriffen.  In  grammatischer  Hinsicht  wäre  z.  B.  dieser  Satz  bezeichnend:
  Ab  iis  nationibus,  quae  trans  Rhenum  incolebant,  legati  ad  Caesarem  missi
sunt,  qui  se  obsides  daturas,  imperata  facturas  pollicerentur.  Quas  legationes
Caesar  inita  proxima  aestate  ad  se  reverti  iussit.  Aber  inhaltlich  sind  sie
durchaus  steril.  Jener  Satz  des  Cornelius  Nepos  hingegen:  Aristides  in  tanta
paupertate  decessit,  ut,  qui  efferretur,  vix  reliquerit  hat  eine  Wurzel  und  kann
deshalb  nur,  auf  ganz  trockenen  Boden  verpflanzt,  schnell  verwelken.  Diese
Methode  bietet  zugleich  den  Vorteil,  daB  ohne  ekelerregende  mechanische
Repetitionen  das  früher  Erworbene  immer  wieder  auf  einen  Augenblick  in  den
Vordergrund  des  Bewußtseins  gerückt  werden  und  in  immer  neue  Verbindungen
gebracht  werden  kann.  Eine  lebendige  Kenntnis  der  alten  Sprachen  und  die
Leichtigkeit,  aus  den  wichtigeren  Gebieten  der  alten  Kultur  Entnommenes,  an
den  Vorstellungskreis  der  Schüler  anknüpfend,  in  ihrer  Sprache  zu  gestalten,
sind  zu  einer  gedeihlichen  Behandlung  des  Lateinischen  und  Griechischen  nicht
zu  entbehren.  Wer  sich  in  dieser  Weise  zum  Lehrer  gebildet  hat,  braucht,
was  über  den  öden  Formalismus  des  grammatischen  Unterrichts  gesagt  wird,
nicht  auf  sich  zu  beziehen.  Grammatik  lehrend,  wird  er  nicht  bloß  dem  Schüler
ein  Mittel  bereiten,  die  Schätze  der  alten  Literatur  zu  heben,  sondern  ihn  zugleich
  für  das  durch  die  Lektüre  der  Schriftsteller  zu  Gewinnende  vorbereiten
und  das  durch  die  Lektüre  Gewonnene  gelegentlich  erweitern  und  vertiefen.
Seit  einiger  Zeit  hört  man  wieder  die  Übungen  im  freien  mündlichen  und
schriftlichen  Gebrauche  des  Lateinischen  empfehlen.  Die  sächsischen  Lehrpläne
treffen  wohl  das  Richtige,  wenn  sie  anordnen,  daß  der  eigentliche  Unterricht
zwar  nur  deutsch  zu  erteilen,  daß  aber  beiläufig,  „insbesondere  im  Anschluß  an
Gelesenes  und  bei  der  Wiederholung  von  Durchgenomnenem“  lateinisch  gesprochen
  werden  solle  Innerhalb  dieser  Grenzen  muß  vor  allem  der  Lehrer
des  Lateinischen  selbst  diese  Sprache  zu  handhaben  wissen.  Die  Schüler  werden
dadurch  zum  Lesen  mutiger  und  geschickter,  und  vor  allem  gewinnen  sie  bald
sichtlich  an  grammatischer  und  stilistischer  Sicherheit.  Diese  Übungen  kosten
nicht  Zeit,  sie  lassen  vielmehr  Zeit  gewinnen.  Aber  auch  schriftliche  Übungen
dieser  Art  werden  empfohlen.  Mit  besonderem  Nachdruck  in  den  Verordnungen
und  Gesetzen  des  Herzogtums  Anhalt,  welche  die  für  die  Anfertigung  von  Extemporalien
  bestimmten  Lehrstunden  „nicht  zu  selten“  zu  Übungen  verwendet