960  Waissenrzıs:  Das  Lateinische.

Treffen  und  das  Verfehlen  des  im  lateinischen  Texte  Gesagten  durch  ganz
scharfe  Grenzen  voneinander  geschieden  sind.  In  dem  Maße  aber,  als  der  Text
schwieriger  wird  und  beim  Übersetzen  tiefer  gehende  Umwandlungen  nötig
macht,  steigern  sich  die  Gefahren.  Das  Nachübersetzen  wirkt  auf  die  schwächeren
Schüler  verdummend  und  wird  den  besseren  zur  Qual,  ja  zum  Ekel,  wenn  ihnen
der  Zwang  aufgelegt  wird,  die  vom  Lehrer  gebotene  sogenannte  gute  Übersetzung
  genau  so  wiederzugeben.  Dies  wäre  eben  nur  durch  ein  ebenso  mühsames
  als  widerwärtiges  und  unfruchtbares,  zum  großen  Teile  mechanisches
Einstudieren  möglich.  Auch  würden  selbst  recht  aufmerksame  Schüler  diese
Aufgabe  nur  mit  Hilfe  nachgeschriebener  und  zu  Hause  eingelernter  Notizen,
die  oft  sehr  fragwürdiger  Natur  sind,  lösen  können.  Das  macht  dumm  und
befördert  eine  sklavische  Gesinnung.  Nur  die  Nachübersetzung  hat  ja  doch
Wert,  welche  eine  freie,  nicht  ängstlich  an  die  vom  Lehrer  selbst  gebrauchten
Ausdrücke  sich  klammernde  Wiederholung  des  Gelesenen  ist  und  aus  der  nunmehr
  geklärten  Einsicht  herausgewachsen  ist.  Eine  solche  wird  im  Vergleich
zu  der  parademäßigen,  eingelernten  Nachübersetzung  natürlich  immer  noch  den
Charakter  des  Zögernden  und  Schwankenden  tragen.  Dafür  ist  sie  aber  auch
das  Produkt  einer  geistigen  Arbeit,  während  das  ängstliche  Einüben  einer  gemeinsam
  erarbeiteten  oder  vom  Lehrer  als  Ergebnis  der  gemeinsamen  Bemühungen
  gebotenen  Übersetzung  des  selbständigen  Erfassens  geradezu  entwöhnt.
Es  ist  auf  jeden  Fall  des  gedächtnismäßig  Anzueignenden,  falls  in  flottem  Tempo
nachübersetzt  werden  soll,  zu  vieles  dabei.  Das  Gedächtnis  aber  tut  man  besser,
sich  an  Öriginalstellen  üben  zu  lassen.

Nägelsbach  verlangt,  daß  der  Lehrer  sich  seine  „gute“  Übersetzung  ausarbeite,
  und  nach  ihm  haben  viele  andere  dasselbe  verlangt.  Gewiß,  stilus  non
solum  optimus  dicendi  effector  et  magister,  sed  etiam  meditandi.  Schreibend
klärt  und  diszipliniert  man  seine  Gedanken,  wenn  man  sie  auch  bisweilen  verflacht.
  Gleichwohl  ist  es  nur  dem  Anfänger  zu  empfehlen,  daß  er  sich  seine
Übersetzung  schriftlich  ausarbeitee  Auch  der  Lehrer  wird  unfrei,  wenn  er  den
Sinn  oder  gar  das  Auge  auf  schriftlich  Ausgearbeitetes  gerichtet  hat.  Wer
sich  solche  Fesseln  anlegt,  wird  leicht  unfähig,  dem  redlichen  Suchen  des
Schülers  ein  gerechtes  und  ermutigendes  Verständnis  entgegenzubringen.  Sobald
  der  Lehrer  die  pädagogischen  Lehrjahre  hinter  sich  hat,  muß  er,  gut  präpariert,
  seinen  Autor  in  einer  angemessenen  Weise  auch  ohne  die  Stütze  einer
Ausarbeitung  übertragen  können.  Was  er  von  seinen  Schülern  verlangt,  wird
er  sich  doch  selbst  zumuten.  Nur  für  das  sozusagen  übermenschlich  Schwierige
  möchte  es  geraten  sein,  sich  die  Übersetzung  auszuarbeiten.  Ich  denke  an
die  Chorlieder  der  griechischen  Tragödie,  an  die  Reden  des  Thucydides,  an  die
etwas  gespreizten  feierlichen  Gedichte  des  Horaz.  Aber  erstens  sei  man  nachher
  nicht  der  Sklave  dessen,  was  man  gefunden  hat,  und  gebe  nie  die  Hoffnung
auf,  daB  sich  noch  manches  ebenso  Gute,  ja  Besseres  finden  läßt;  zweitens  sei
man  alienae  opinionis  patiens  und  mache  sich  geschickt,  die  Ahnungen  des
Richtigen  in  der  Schülerübersetzung  zu  erkennen  und  ihnen  durch  leise  Hilfe
zur  Erfüllung  zu  verhelfen.  Besser  eine  zögernde  und  ungeschickte,  aber  selb-