Anleitung  zum  Lesen  der  alten  Schriftsteller.  263

Bedürfnis.  Sie  dem  Schüler  zu  verbieten  ist  gefährlich:  es  bedarf  für  ihn  schon
bei  der  Präparation  eines  Vermittlers.  Zunächst  blickt  ihm  stets  viel  seltsam
Unverständliches  aus  seinem  Autor  entgegen.  Tut  man  nichts,  dieses  Gefühl
des  Befremdens  zu  verscheuchen,  so  wird  seine  Kraft  bald  erlahmen,  oder  er
sinnt  selbst  auf  Mittel,  sich  das  Schwere  leicht,  das  Unmögliche  möglich  zu
machen.

Zunächst  hat  die  Präparation  wie  die  Interpretation  mit  den  sprachlichen
Schwierigkeiten  zu  ringen.  Bei  der  Lektüre  lateinischer  und  griechischer
Schriftwerke,  die  in  Wortstellung,  Satzbildung,  Ausdrucksweise  so  stark  von
unserer  Sprache  abweichen,  hängt  auf  der  untersten  Stufe  so  ziemlich  alles  von
der  Übung  im  Konstruieren  ab.  Erst  wer  die  Konstruktion  klar  erfaßt  hat,
fühlt  festen  Boden  unter  seinen  Füßen.  Der  Neigung  zum  Irrlichtelieren  wird
durch  das  Herausheben  der  Konstruktion  am  sichersten  entgegengearbeitet.
Gibt  diese  ja  doch  das  Knochengerüst  des  Gedankens.  Es  wäre  aber  die  unerträglichste
  Pedanterie,  diese  Übungen  länger,  als  durchaus  notwendig  ist,  fortzusetzen.
  Es  kommt  bald  die  Zeit,  wo,  was  im  Anfange  bei  der  Erklärung
altsprachlicher  Texte  die  Regel  war,  nur  noch  die  Ausnahme  sein  darf.  Auf
der  obersten  Stufe  nun  vollends  muß  es  dem  Schüler  stets  wie  ein  Donnerwort
klingen,  wenn  man  ihm  zuruft,  er  solle  konstruieren.  Es  liegt  darin  eben  der
Vorwurf,  daB  er  nicht  einmal  die  ganz  groben,  elementaren  Schwierigkeiten
bewältigt  hat.

Im  ersten  Stadium  der  lateinischen  und  griechischen  Lektüre  hat  die
sprachliche  Erklärung  ein  ungeheures  Übergewicht.  Es  gibt  nichts  Verkehrteres,
  als  sich  hier  mit  dem  Sprachlichen  schnell  abzufinden,  um  bald  zum
Sachlichen  zu  kommen.  Nur  wer  die  Kunst  des  pädagogischen  Breittretens
mit  Meisterschaft  übt,  würde  übrigens  auf  die  sachliche  Erklärung  eines  so
kleinen  und  harmlosen  Stückes,  wie  es  im  Anfange  der  lateinischen  und  griechischen
  Lektüre  von  einem  Tage  zum  andern  etwa  vorbereitet  werden  kann,  den
größeren  Teil  einer  Unterrichtsstunde  verwenden  können.  Aber  mit  jeder  folgenden
  Stufe  verlangt  das  Sachliche  eine  eingehendere  Berücksichtigung.  Alles
sich  selbst  erklären  lassen  und  immer  nur  darauf  aus  sein,  Stunde  für  Stunde
ein  möglichst  großes  Stück  zu  absolvieren,  heißt  die  Zeit  verschwenden.  Aber
auch  ein  Übermaß  von  Erklärungen  ist  vom  Übel.  Selbst  einem  Schüler  der
untersten  Stufe  braucht  man  nicht  alles  zu  sagen,  und  selbst  den  Schwerfälligsten
  verdrießt  es,  wenn  man  ihn  mit  geheimnisvoller  Miene  finden  läßt,
was  sich  für  ein  mit  Vernunft  begabtes  Wesen  von  selbst  versteht.  Doch  noch
eine  andere  Klippe  gilt  es  zu  vermeiden:  die  Fülle  selbst  des  von  allen  Seiten  sich
zur  Berücksichtigung  darbietenden  Wissens  kann  dem  Lehrer  gefährlich  werden.
Die  sozusagen  körperliche  Erscheinung  des  Altertums  ist  durch  emsige  Forschungen
  auf  allen  Gebieten  aufgehellt  worden,  und  auch  das  kaum  noch  relativ
Bedeutsame  hat  eine  sehr  eingehende  Behandlung  gefunden.  Der  Lehrer,  der
doch  sozusagen  auch  ein  Mensch  ist,  wird  Mühe  haben,  bei  der  Erklärung  der
alten  Schriftsteller  den  Objekten  seiner  eigenen  Studien  nur  genau  das  ihnen
zukommende  Maß  von  Berücksichtigung  zu  gewähren.  Ganz  unparteiisch  zu