964  WeıssenseLs:  Das  Lateinische.

sein  ist  dem  Menschen  unmöglich,  und  die  Ideenassoziation,  durch  das  Interesse
beflügelt,  ist  geschäftig,  selbst  zwischen  dem  Entlegensten  Verbindungen  herzustellen.
  Aber  es  gehört  zu  den  Pflichten  der  Schulerklärung,  daß  man  sich
im  Zentrum  zu  halten  suche  und  dem  Zuge  nach  gewissen  Punkten  der  Peripherie,
  die  einem  durch  eigene  Studien  besonders  interessant  geworden  sind,
entgegenarbeite.  Leider  ist  es  viel  leichter,  mit  Erörterungen  über  das  Sekundäre,
  was  man  eigentlich  nur  quasi  praeteriens  erwähnen  sollte,  die  langen
Stunden  zu  füllen  als  das  Substanzielle  geschickt  und  gründlich  auszunutzen.
Gerade  heute,  wo  sich  dem  Interpreten  so  viel  Hilfsmittel  bieten,  ist  es  schwer,
die  richtigen  Proportionen  zu  wahren.  Man  vergesse  nie,  daß  die  sachliche
Erklärung  es  nicht  bloß  mit  der  Mitteilung  von  allerhand  Tatsächlichem  und
sinnlich  Greifbarem  zu  tun  hat,  sondern  in  erster  Linie  mit  dem,  was  mit  den
geheimeren  Kräften  des  menschlichen  Innern  erfaßt  sein  will.  Doch  ist  es  nicht
geraten,  ein  zu  starkes  Gewicht  auf  die  Klarlegung  des  logischen  Zusammenhangs
  zu  legen.  Logisch  zu  denken  ist  dem  normalen  Menschen  natürlich.  Er
tut  es  unbewußt,  und  das  Unlogische  ist  nur  eine  Ausnahme  in  seinem  Gedankenprozeß.
  Dem  Schüler  jeden  harmlosen  Gedanken  logisch  zerlegen  und
alles  vom  Autor  Gesagte  gewissermaßen  in  die  Form  mathematischer  Schulbeweise
  zwängen,  heißt  ihn  durch  eine  überflüssige  Subtilität  ermüden  und
langweilen.  Man  denke  an  den  Spott,  den  Mephistopheles  über  solches  pedantisch-methodisches
  Aufdröseln  des  an  sich  Verständlichen  ausgießt.  Aber  der
Schüler  soll  nicht  bloß  einzelne  Sätze,  nicht  bloß  einzelne  Kapitel  lesen,  sondern
  ganze  Schriften.  Diesem  Bilde  des  Ganzen  muß  die  Erklärung  des  einzelnen,
  müssen  die  Zusammenfassungen  und  ergänzenden  Ausführungen  am  Anfange
  jeder  Unterrichtsstunde  zustreben.  Dabei  werden  sich  zugleich  reiche
Gelegenheiten  bieten,  die  modernen  Literaturen  sowohl  wie  die  modernen  Zustände
  wie  die  ganze  moderne  Denkweise  zur  Vergleichung  herbeizuziehen.
Zum  Schluß  sei  darauf  hingewiesen,  daß  die  Werke  der  Alten  der  Jugend
nicht  bloß  historisch,  sondern  such  ästhetisch  erklärt  werden  sollen.  Es  ist
endlich  an  der  Zeit,  sich  von  dem  Vorurteil,  welches  auf  der  ästhetischen  Erklärung
  lastet,  freizumachen.  Ebensowenig  als  gelehrte  Pedanterie  und  wahre
Gelehrsamkeit  sich  decken,  ebensowenig  soll  man  jene  fade  Affektation,  welche
man  als  Schöngeistigkeit  bezeichnet,  mit  der  ästhetischen  Erklärung  auf  eine
Linie  stellen.  Mit  der  Aufhellung  der  zeitlichen  und  politischen  Beziehungen
eines  Werkes  der  prosaischen  oder  der  poetischen  Literatur  ist  bei  der  Schulinterpretation
  nicht  genug  getan.  Es  gilt,  einen  gewissen  feinen  Geist,  der,  wie
Winckelmann  sagt,  mit  mächtigen  Schwingen  zur  Betrachtung  der  Schönheit
erhebt,  in  sich  und  den  Schülern  zu  nähren.  Zu  warnen  ist  dabei  vor  endlosem
ästhetischem  Theoretisieren  und  vor  phrasenhaftem  Pathos.  In  bestem  Sinne  ästhetisch
  ist  die  Erklärung,  welche  das  behandelte  Literaturwerk  lebendig  zu  machen
versteht;  nicht  ästhetisch  ist  jene  andere,  die  immerfort  an  schalem  Zeuge  klebt
und  mit  pedantischem  Nachdruck  Dinge  behandelt,  welche  nur  eine  beiläufige
Erwähnung  verdienen.  Zur  ästhetischen  Erklärung  ist  vor  allem  auch  Wärme
und  ein  Grad  von  Beredsamkeit  nötig.  Wer  diese  Eigenschaften  nicht  besitzt,