Anleitung  zum  Lesen  der  alten  Schriftsteller.  .  265

wird  die  in  den  Werken  der  Alten  schlummernde  Seele  nicht  zu  wecken  verstehen.


Das  höchste  Ziel  einer  jahrelang  methodisch  geübten  Erklärung  muß  aber
sein,  daß  der  Schüler,  abgesehen  von  äußeren,  durch  Selbsttätigkeit  nicht  zu
findenden  und  einfach  mitzuteilenden  Daten,  keine  Erklärung  mehr  nötig  hat.
Le  veritable  educateur,  hat  ein  Franzose  gesagt,  travaille  ä  se  rendre  superflu.
Dasselbe  kann  man  von  dem  Interpreten  sagen.  Fragen  wir  uns  nunmehr  ehrlich,
  ob  wir  uns  rühmen  dürfen,  unsere  Schüler  durch  unsere  Art  zu  erklären
zu  jener  Selbständigkeit  im  Erfassen  des  lateinisch  und  griechisch  Geschriebenen
  zu  bringen.  Von  allen  Seiten  heißt  es  heute,  das  Lesen  der  alten
Schriftsteller  sei  die  Hauptsache;  diesem  Ziele  gegenüber  habe  alles  andere
nur  die  Bedeutung  eines  Mittels.  Dabei  wird  aber  allerorten  nur  das  Übersetzen
  geübt,  welches  doch  nur  als  die  Vorbereitung  zum  Lesen  gelten
dürfte.  Weshalb  bleibt  die  Schule  nach  so  langer  Beschäftigung  mit  den
alten  Sprachen  am  Fuße  der  Koppe  stehen,  anstatt  auch  noch  jenes  letzte
Stück  in  die  Höhe  zu  klimmen?  Es  mag  eine  hervorragende  Begabung
dazu  gehören,  eine  fremde  Sprache  nicht  bloß  mit  grammatischer  Korrektheit,
  sondern  mit  Geschick  und  mit  Verständnis  für  ihre  Eigenheiten  schreibend
  und  sprechend  zu  handhaben;  wer  aber  nichts  weiter  erreicht,  als  das
in  fremder  Sprache  Geschriebene  unter  Mühen  sich  zusammenbuchstebieren
zu  können,  der  ist  entweder  nicht  richtig  unterrichtet  worden,  oder  seine  Begabung
  reicht  für  das  Erlernen  einer  fremden  Sprache  nicht  aus.  Heute  zumal,
  wo  man  dem  Schreiben  und  Sprechen  des  Lateinischen  so  bescheidene
Ziele  setzt,  sollte  als  formales  Ziel  eine  Gewandtheit  im  Verstehen  eines  lateinischen
  Textes  aufgestellt  werden,  die  sich  noch  als  Lesenkönnen  bezeichnen
ließe.  Wie  dahin  gelangen?  Ich  sehe  zwei  Wege  sich  öffnen.  Sobald  die
Schüler  mit  der  Art  des  Autors  einigermaßen  vertraut  geworden  sind,  verwende
man  den  Schluß  der  Stunde  dazu,  nicht  bloß  übersetzend,  sondern  lesend  mit
ihnen  fortzufahren.  Der  Lehrer  selbst  lese  in  langsamem  Tempo  den  Text.
Freilich  muß  dies  in  sprechender,  durch  richtige  Betonungen  und  passende  Modulationen
  unmittelbar  das  Gelesene  erklärender  Weise  geschehen.  Wer  seine
Fertigkeit  im  Lesen  nicht  zu  dieser  Kunst  gesteigert  hat,  dem  fehlt  eine  sehr
wirkungskräftige  Eigenschaft  des  Lehrers.  Durch  dazwischen  geworfene  Fragen,
aber  nur  an  Stellen,  wo  wirklich  die  Gefahr  des  Mißverstehens  oder  Nichtverstehens
  vorhanden  ist,  helfe  man  nach  und  lasse  von  Zeit  zu  Zeit  das  Gelesene
  kurz  referieren.  So  wird  doch  dem  Schüler  die  Ahnung  geweckt,  daß
man  Lateinisches  und  Griechisches  verstehen  kann,  auch  wenn  man  es  nicht  in
schulmäßiger  Weise,  mit  der  Absicht,  es  ins  Deutsche  zu  übersetzen,  präpariert
hat.  Vielleicht  begreift  er  sogar,  daß  es  in  der  Hingabe  an  den  Autor  stört
und  geradezu  ein  Hindernis  des  Verständnisses  wird,  wenn  man  beim  Lesen
immer  darauf  sinnt,  wie  das  wohl  am  besten  ins  Deutsche  zu  übersetzen  sein
möchte.  Ein  zweites  Mittel,  den  Schüler  im  Lesen  der  alten  Schriftsteller  zu
üben,  ist  folgendes.  Man  gebe  ihm  allwöchentlich  für  eine  festgesetzte  Stunde
ein  nicht  zu  knapp  gemessenes  Stück  aus  dem  alten  Schriftsteller  auf,  mit  der