268  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

einer  späteren  Stufe  gelernt  werden  müssen.  Anderseits  ist  es  ein  hinfälliges
Argument,  daß  man  von  dem  leichteren  Französisch  zu  dem  schwereren  Latein
fortschreiten,  nicht  den  umgekehrten  Weg  nehmen  müsse.  Wer  denn  doch  zur
bewußten  Sprachbewältigung  übergehen  muß,  wird,  was  er  lernen  muß,  leichter
an  den  klaren  und  sprechenden  Formen  einer  jugendlichen  alten  Sprache  lernen
als  an  einer  verwitterten  und  skelettartigen  modernen  Sprache,  und  wäre  es
selbst  eine  so  gesetzlich  ausgestaltete  wie  die  französische.  Auch  wenn  man
also  das  Französische  nach  der  so  lange  geübten,  wenn  auch  durch  häufigere
Verwendung  der  Induktion  modifizierten  grammatischen  Methode  lernen  läßt,
kann  das  Reformgymnasium  mit  dem  Französischen  im  Anfange  gar  nicht  dieselbe
  sichere  Grundlage  für  allen  späteren  fremdsprachlichen  Unterricht  gewinnen
  lassen  wie  das  alte  Gymnasium  mit  dem  für  diesen  Zweck  vorzüglich
geeigneten  Lateinischen.  Wird  das  Französische  aber  nach  jener  künstlichen
Methode  gelehrt,  die  sich  die  natürliche  nennt,  so  erschwert  es  in  hohem  Grade
den  nachfolgenden  lateinischen  Unterricht,  falls  dieser  nicht  gleichfalls  nach
dieser  natürlichen  Methode  erteilt  wird.  Schließlich  sei  noch  bemerkt,  daß  die
zwar  sehr  logische,  aber  auch  an  kondensierenden  Abstraktionen  wie  an  gesellschaftlichen
  Feinheiten  überreiche  und  dabei  etwas  perfide  französische  Sprache
der  Seele  des  Kindes  fremder  ist  als  das  naive,  ehrliche,  umständliche  Latein.
Ohne  Zweifel  müssen  die  meisten  das  Latein  und  Griechisch,  was  sie  lernen,
teuer  bezahlen.  Auch  kann,  wenn  die  Klassen  klein  oder  die  Schüler  oder  die
Lehrer  hervorragend  befähigt  sind,  viel  Zeit  gewonnen  werden.  Daß  aber
unter  den  üblichen  Verhältnissen  das  Ziel  des  Gymnasiums  durch  Änderung
und  Abkürzung  der  Methode  je  viel  früher  wird  erreicht  werden  können,  ist
wenig  wahrscheinlich.  Die  Freunde  des  Gymnasiums  erblicken  deshalb  in  dem
Reformgymnasium  eine  Gefahr  für  das  Gymnasium  und  eine  Übergangsform,
die  radikaleren  Umgestaltungen  den  Weg  öffne.  Daß  neuen  Theorien  in  liberaler
  Weise  die  Möglichkeit  gewährt  wird,  sich  zu  betätigen,  ist  sehr  zu  billigen;
doch  wäre  es,  um  in  dieser  die  Entwicklung  unseres  höheren  Schulwesens  beunruhigenden
  Frage  Klarheit  zu  schaffen,  durchaus  zu  wünschen,  daß  man  auf
Möglichkeiten  sänne,  die  Zielleistungen  der  beiden  Arten  von  Anstalten  in
ihrem  ganzen  Umfange  an  demselben  Maßstabe  zu  messen.  In  der  bisherigen
Weise,  sich  auf  der  einen  Seite  der  Erfolge  rühmend,  sie  auf  der  anderen
theoretisch  anfeindend,  gelangt  man  schwerlich  zu  einer  unanfechtbaren  Entscheidung.


Zu  seinem  bei  Gelegenheit  der  letzten  Schulkonferenz  abgegebenen  Gutschten
  (Verhandlungen  über  Fragen  des  höheren  Unterrichts,  S.  298)  äußert
sich  J.  Ziehen  über  diesen  Punkt  folgendermaßen:  „Sieht  man  von  den  trüben
Erinnerungen  an  die  Methode  des  selbstgenossenen  französischen  Unterrichts
und  von  den  nicht  gerade  erfreulichen  Erfahrungen  mit  der  eben  bezeichneten
gegenwärtigen  Richtung  des  neusprachlichen  Unterrichts  ab  (er  denkt  dabei  an
die  extremen  Vertreter  der  sogenannten  natürlichen  Methode),  so  stellt  sich  ein
Vergleich  zwischen  der  Qualifikation  des  Lateinischen  und  des  Französischen
für  die  erste  sprachlich-logische  Schulung  so  dar,  daß  auf  beiden  Seiten  Vor-