270  Weissenreıs:  Das  Lateinische.

II.  DIE  LATEINISCHEN  SCHULSCHRIFTSTELLER.

1.  Als  geeignetster  Schulautor  für  den  Anfang  galt  lange  Cornelius
Nepos.  Ende  des  18.  Jahrhunderts  wurden  Stimmen  gegen  ihn  laut,  andere
erwiderten  zornig,  und  der  Kampf  tobte  lange  unentschieden  hin  und  her  (vgl.
Eckstein,  Lat.  Unt.  S.  609).  Auch  an  Erweiterungen  und  Umgestaltungen  hat
es  nicht  gefehlt,  um  ihn  dem  Inhalt  wie  der  Form  nach  für  die  Schule  brauchbarer
  zu  machen.  Man  nahm  Anstoß  an  manchen  geschichtlichen,  geographischen,
  chronologischen  Irrtümern  wie  an  einigen  Eigenheiten  seines  Sprachgebrauchs;
  anderen  schienen  nicht  alle  hier  geschilderten  Männer  hinlänglich
bedeutend;  Vogel  fügte,  um  eine  empfindliche  Lücke  auszufüllen,  eine  von  ihm
selbst  verfaßte  Vita  des  Perikles  hinzu.  Heute  stimmen  so  ziemlich  alle  darin
überein,  daB  Cornelius  Nepos  gerade  so,  wie  er  ist,  wenn  man  einiges  ungelesen
läßt,  ein  allen  Anforderungen  genügender  Schriftsteller  für  den  Anfang  ist.  Die
Art  seiner  Behandlung  ist  der  Jugend  sympathisch  und  förderlich.  Ist  aus  ihm
auch  nicht  ein  vollständiges  und  gründliches  positives  Wissen  der  behandelten
Personen  und  Zeiten  zu  gewinnen,  so  bietet  er  doch  der  Jugend  gerade  die
anregende  Belehrung,  die  sie  auf  dieser  Stufe  nötig  hat.  Erstens  zeigen  seine
Viten  bedeutende  Männer  mit  kulturhistorischem  Hintergrunde.  Sodann  haben
seine  Anekdoten  einen  psychologischen  Gehalt  und  lassen  deshalb  einen  Stachel
in  der  Seele  des  Lesenden  zurück.  Drittens  hat  seine  Wärme  eine  die  Seelen
öffnende  Kraft.  Die  Erinnerung  der  Schüler  pflegt  ihm  auch  treu  zu  bleiben,
was  sich  freilich  zum  Teil  daraus  erklärt,  daß  er  ihre  erste  lateinische  Liebe  war.

Eichner,  M.,  Über  die  lateinische  Lektüre  in  Quarta.  Prgr.  Meseritz  1890.
—  Weißenborn,  J.,  Cornelius  Nepos  in  seiner  Bedeutung  für  den  Unterricht  gewürdigt.
  Prgr.  Aschaffenburg  1892.  —  Böhme,  W.,  Eiue  Neposstunde  in.  Quarta.
L.L.  12.  —  Fügner,  F.,  Des  Cornelius  Nepos  Lebensbeschreibungen  in  Auswahl
bearbeitet  und  verinehrt  durch  eine  Vita  Alexandri  Magni.  Text  und  Hilfsheft.
Teubner.

2.  Neben  Cornelius  Nepos  eignen  sich  vortrefflich  für  den  Anfang  die
Fabeln  des  Phädrus  (vgl.  G.  Uhlig,  Human.  Gymn.  1892,  33).  Auch  die  als
leicht  geltenden  römischen  Dichter  freilich  bieten  zunächst  erhebliche  Schwierigkeiten,
  und  der  Schüler  wird  selbst  auf  der  obersten  Stufe  nicht  dahin  gelangen,
sie  so  mühelos  lesen  zu  können  wie  z.  B.  den  Homer.  Ihre  Sprache  ist  eben
stets  straff  und  kunstvoll  gestaltet,  nicht  bloß  veredelt  auf  der  Grundlage  einer
lässigen  Natürlichkeit.  Aber  diese  sauber  ausgearbeiteten  und  knapp  gehaltenen
Fabeln  des  Phädrus  verdienen  ja  auch,  ganz  langsam  unter  Abwägung  jedes
Wortes  gelesen  zu  werden.  Die  Gegenstände  ferner,  die  sie  behandeln,  sind
von  ewiger  Bedeutsamkeit,  und  man  kann  sie  immer  wieder  lesen,  weil  sie  mit
der  wachsenden  äußeren  und  inneren  Erfahrung  immer  wieder  in  einem  anderen
Lichte  erscheinen.  Es  sind  welche  darunter,  die  in  wenigen  Versen  den  feinsten
Extrakt  ganzer  Bände  kriegsgeschichtlicher  und  politischer  Erzählungen  bieten.
Man  lasse  sie  übersetzen,  nachübersetzen,  auswendig  lernen.