Cornelius  Nepos,  Phädrus,  Cäsar.  271

3.  Cäsars  militärischer  Bericht  über  seine  Feldzüge  ist  in  unserer  Zeit  in
in  so  hyperbolischen  Ausdrücken  gelobt  worden  wie  kein  zweites  Literaturwerk
des  Altertums.  Auch  über  seine  Brauchbarkeit  für  die  Schule  sind  wahre
Hymnen  geschrieben  worden.  Wer  dieses  Lob  einzuschränken  wagt,  gewinnt
leicht  das  Aussehen  eines,  qui  suis  malit  auspiciis  desipere  quam  sapere  alienis.
Und  doch  muß  es  sein.  Es  soll  diesem  Schriftsteller  das  Lob  nicht  vorenthalten
  werden,  mit  einer  mustergültigen  Klarheit  und  in  einer  durchaus  angemessenen
  und  von  falschen  Tönen  völlig  reinen  Sprache  über  seine  Feldzüge
berichtet  zu  haben.  Genügt  das  aber,  um  ihm  die  bildende  Kraft  eines  Schriftstellers
  für  die  Jugend  zuzusprechen?  Berechtigt  das,  ihn  während  ganzer  zwei
Jahre  fast  ausschließlich  lesen  zu  lassen,  von  denen  zu  schweigen,  die  auch  in
Prims  ihn  noch  kursorisch  gelesen  wissen  wollen?  Hat  man  doch  sogar  verlangt,
  daB  gegen  Ende  der  Obertertia  und  in  Sekunda  in  deutschen  Aufsätzen
das  Fazit  der  Cäsarlektüre  gezogen  werde!  Niemand  hat  mit  eindringlicherer
Beredsamkeit  die  Lektüre  Cäsars,  namentlich  des  Bellum  Gallicum,  empfohlen
als  Perthes  (Zur  Reform  des  lateinischen  Unterrichts,  IV).  Es  ist  hier  nicht
der  Ort  zu  untersuchen,  ob  von  der  weltgeschichtlichen  Bedeutung  jener  Unterwerfung
  Galliens  nicht  heute  doch  in  gar  zu  emphatischem  Tone  geredet  wird:
nur  darum  handelt  es  sich,  welche  Bedeutung  Cäsar  als  Schulschriftsteller  gewinnen
  kann.  Was  zunächst  seine  Sprache  betrifft,  so  wird  ihm  niemand  das
Lob  vorenthalten,  daß  er  hervorragend  geeignet  ist,  in  dem  Schüler  das  Gefühl
für  das  Gerade,  natürlich  Einfache,  Normale  zu  bilden.  Doch  gestattete  der
Stoff  nur  eine  kleine  und  noch  dazu  entlegene  Provinz  der  lateinischen  Sprache
auszunutzen.  Auch  der  Sprache  nach  ist  Cäsar  also  kein  Schriftsteller,  der  dem
Schüler  alles  sein  könnte:  man  feiere  ihn  als  Muster  des  einfachen  Stils,  gestehe
  sich  aber,  daß  man  von  den  charakteristischen  Ausprägungen  des  Lateinischen
  aus  ihm  doch  nur  einen  Teil  kennen  lernen  kann.  Ferner  ist  es  klar,
daß  die  Kenntnis  der  militärischen  Terininologie  für  13-  und  1l4jährige  Zöglinge
  des  humanistischen  Gymnasiums  nicht  das  in  erster  Linie  Wichtige  ist.
Dieser  einfache  durchsichtige  Bericht,  der  durch  nichts  an  die  Person  des
Schreibenden  erinnert  und  streng  sachlich  und  kalt  bleibt,  auch  in  den  auf  das
äußerste  gespannten  Situationen,  ist  bei  denen,  die  ihn  mit  politischem  und
militärischem  Verständnis  lesen,  seiner  Wirkung  sicher.  Über  das  Geschehene
wird  in  der  lichtvollsten  Weise  berichtet;  die  Erregung,  von  der  es  begleitet
war,  muß  man  sich  hinzudenken  oder  sich  an  Andeutungen  genügen  lassen.
Für  reife,  denkfähige  und  mit  einer  regen  Phantasie  begabte  Menschen  ist  es
ebenso  leicht  als  genußreich,  einen  solchen  Bericht  sich  psychologisch  auszumalen
  und  ihm  dadurch  eine  Seele  zu  geben:  für  die  Jugend  bedarf  es,  um
Wirkungen  zu  erzielen,  eines  größeren  Quantums  von  Innerlichkeit.  Noch  ein
anderes  gebe  ich  zu  bedenken.  Dem  Heldenmäßigen  kommt  das  Verständnis
und  Interesse  jedes  vollständigen  und  natürlichen  Menschen  entgegen;  das
spezifisch  Militärische  aber,  auch  wenn  der  Bericht,  wie  der  Cäsars,  auf  ein
weiteres  Lesepublikum  berechnet  ist,  kann  nicht  sicher  auf  menschliche  Teilnahme
  rechnen.  Zu  diesem  spezifisch  Militärischen  gehören  aber  alle  Marsch-