972  Weısseurzıs:  Das  Lateinische.

und  Kampfbewegungen,  welche  erst  mit  Hilfe  von  genauen  Karten  recht  verständlich
  werden,  gehört  auch  alles  die  Bewaffnung  und  Verpflegung  Betreffende.
Unsere  Ausgaben  kommen  dem  Bedürfnisse  des  Schülers  in  dieser  Hinsicht
weit  entgegen;  aber  selbst  heute  ist  trotz  aller  Präkonisierung  des  Krieges  und
kriegerischer  Großtaten  das  nüchterne  militärische  Interesse  nicht  etwas  dem
werdenden  Menschen  so  schnell  zur  Natur  Werdendes,  daß  er  im  Alter  von
13  Jahren  die  trockene  Klarheit  eines  militärischen  Berichtes  eines  hingebenden
Interesses  für  wert  halten  könnte  Zumal  wenn  durch  das  schulmäßige  Lesen
alles  in  die  Länge  gezogen  wird,  muß  sich  die  Armut  an  echt  menschlichem
Gehalte,  welcher  solche  Schriften  charakterisiert,  sehr  deutlich  fühlbar  machen.
Cäsar  selbst  würde  zu  dem  pomphaften  Lobe,  welches  ihm  von  seinen  modernen
Bewunderern  gespendet  wird,  gelächelt  haben.  Die  dröhnendsten  Posaunentöne
hat  Perthes  erschallen  lassen.  Er  nennt  das  Bellum  Gallicum  ein  herrliches
Hilfsmittel  harmonischer  Geistesbildung  und  schleudert  Zornesblitze  gegen  die,
welche  irgendwelche  Teile  davon  in  der  Schule  wegzulassen  vorschlagen.  Dagegen
  erklären  Köchly  und  Rüstow,  die  doch  auch  über  Cäsar  ein  Urteil  hatten:
„Cäsars  Kommentarien  sind  eigentlich  nur  eine  Lektüre  für  den  im  öffentlichen
Leben  durchgearbeiteten  Mann,  für  den  denkenden  Politiker,  für  den  gebildeten
Militär;  und  so  haben  denn  namentlich  die  größten  Namen  der  letzteren  Klasse
zu  seinen  eifrigen  Lesern  gezählt“.  Von  einem  Buche  ferner,  welches  zwei  für
die  Bildung  eines  menschlichen  Wesens  hervorragend  wichtige  Jahre  hindurch
eine  Hauptquelle  sein  soll,  muß  man  doch  auch  erwarten,  daß  es  etwas  Herzgewinnendes
  und  Erhebendes  habe.  Wer  kann  diese  Eigenschaft  aber  den
Kommentarien  Cäsars  nachrühmen  wollen?  Sie  lehren  vielmehr  dieses,  daß  im
Kriege  und  in  der  Politik  der  Erfolg  auf  der  Seite  des  kühl  und  klar  Berechnenden
  ist.  Das  Wort  Fichtes,  die  Begeisterung  siege  immer  und  notwendig
  über  den,  der  nicht  begeistert  sei,  ist  nie  durch  ein  klar  bis  ins  einzelne
  ausgeführtes  Beispiel  gründlicher  widerlegt  worden.  Die  enthusiastischen
Bewunderer  einer  klugen  und  kalten,  rücksichtslosen  und  glücklichen  Eroberungspolitik,
  z.  B.  Perthes,  erwidern  darauf,  aus  der  Geschichte  solle  man  lernen,
wie  es  in  der  Welt  nun  einmal  hergehe.  Wie  Cäsar  mit  den  Aduatukern,  den
gefangenen  Venetern,  der  Besatzung  von  Alesia,  den  Genabensern,  mit  dem  Dumnorix,
  den  Häuptlingen  Acco  und  Gutruatus,  den  Verteidigern  von  Uxellodunum
verfahren  ist,  das  sind  Beispiele,  die  Cäsars  bengalischen  Beleuchtern  recht  geeignet
  scheinen,  den  Sinn  der  Jugend  für  die  herbe  historische  Wirklichkeit
reif  zu  machen.  Seine  Niedermetzelung  der  Usipeter  und  Tenkterer  freilich
und  die  durch  Rücksichten  der  politischen  Notwendigkeit  schwerlich  zu  ent
schuldigende  Behandlung,  die  er  dem  edlen  Vercingetorix  zuteil  werden  ließ,
gehören  zu  den  historischen  ScheuBlichkeiten  ersten  Ranges  und  machen  selbst
seine  Panegyristen  stutzig.  Derartiges  muß  jeden  natürlich  Empfindenden  mit
Haß  und  Ekel  erfüllen,  wie  es  anders  erhebend  wirkt  und  aufjauchzen  läßt,
wenn  man  liest,  daß  die  Bituriger,  um  diese  Römerbrut  zum  Verhungern  zu
bringen,  ihre  eigenen  Städte  in  Flammen  aufgehen  ließen.  Hin  und  wieder  hört
man  es  auch  eine  schwere  Versündigung  an  der  Jugend  nennen  und  eine  Ver-