Cäsar.  213

letzung  des  nationalen  Interesses,  Cäsars  Bellum  Gallicum  mit  13-  und  14  jährigen
Knaben  zu  lesen;  andere  aber  finden,  daß  die  Darstellung  einer  mit  so  rücksichtsloser
  Klarheit  auf  ihre  Ziele  gerichteten  Kriegführung  vor  allem  geeignet
sei,  vor  Ideologie  zu  bewahren  und  „geschichtliche  Bildung,  d.  h.  einen  realen
Idealismus  zu  wecken“  (Perthes).  Die  einen  wollen  alle  sieben  Bücher  des
Bellum  Gallicum  gelesen  wissen,  die  andern  sich  an  einer  Auswahl  genügen
lassen  und  „das  inhaltlich,  geographisch  und  ethnographisch  Zusammengehörige
lesebuchartig  herausheben“  (Dettweiler,  S.  138).  Es  ist  darauf  zu  erwidern,  daß
es  weit  von  dem  Ziele  des  Gymnasiums  abführt,  wenn  zwei  ganze  Jahre  hindurch
  in  den  lateinischen  Stunden  fast  ausschließlich  von  Marschbewegungen,
taktischen  Manövern,  Schlachtplänen,  Kriegsaltertümern  gehandelt  wird.  Schriftsteller,
  die  eine  spezifisch  militärische  Erklärung  nötig  haben,  gehören  nicht  in
das  humanistische  Gymnasium.  Ist  es  da  zu  verwundern,  daß  man  Cäsar  fast
allerorten  nur  als  Grundlage  für  grammatische  Übungen  benutzt  und  sich  wenig
bemüht  hat,  seine  mit  der  sicheren  Kombinationsgabe  eines  vollendeten  Schachspielers
  ausgeführten  Pläne  zu  beleuchten?  Perthes  erzählt  jammernd,  ein
preußischer  Schulrat  von  reicher  Amtserfahrung  habe  ihm  versichert,  daß  unter
hundert  Lehrern  ihm  kaum  einer  bekannt  sei,  der  bei  der  Durchnahme  der
Kommentarien  Cäsars  auf  den  Inhalt  des  Schriftstellers  eingehe.e  Es  mögen
seitdem  einige  mehr  geworden  sein.  Diese  Gleichgültigkeit  gegen  einen  von
einigen  Stimmführern  enthusiastisch  verherrlichten  Inhalt  ist  aber  durchaus
verständlich.”  Ein  militärischer  Bericht,  und  wäre  er  noch  so  klar  und  geschickt
abgefaßt,  kann  für  die,  in  denen  das  Interesse  für  derartiges  nicht  durch  Vererbung
  oder  früh  bevorzugende  Kultur  weit  über  das  normale  Maß  gesteigert
worden  ist,  nie  die  erzieherische  Bedeutung  und  anfeuernde  Kraft  des  Heldentums
  gewinnen.  Für  taktische  Kombinationen  muß  das  Interesse  künstlich  erst
geschaffen  werden,  während  alle,  die  Alten  wie  die  Jungen,  für  die  heldenmäßige
Tapferkeit  wie  für  leidenschaftliche  Erregungen  überhaupt  ein  natürliches  Verständnis
  besitzen.  Man  höre  also  nicht  auf  die  Reden,  daß  das  Bellum  Gallicum,
eine  Schrift  von  so  hoher  Fürtrefflichkeit,  eine  solche  Geschichtsquelle  ersten
Ranges,  ein  Buch  mit  der  Heldengestalt  des  „größten  Römers“  im  Mittelpunkte,
von  dem  Schüler  ganz  gelesen  und  erarbeitet  werden  müsse,  sondern  lasse  sich
an  einer  Auswahl  genügen.  Ich  verweise  in  dieser  Hinsicht  auf  Dettweiler,  der
passende  Gruppierungen  bietet.  Am  sichersten  wird  der  Schüler  für  Ariovist  (I),
Cassivellaunus  (V),  Vercingetorix  (VII)  zu  gewinnen  sein.  Am  meisten  gelesen
zu  werden  verdient  das  siebente  Buch:  der  Aufstand  des  Vercingetorix,  die
Kämpfe  um  Gergovia  und  Alesie.e  Doch  muß  auch  hier  vieles  ausgelassen
werden.  Sodann  kommt  für  die  Schule  in  Betracht,  was  im  sechsten  Buche
über  die  Sitten  der  Germanen  und  Gallier  gesagt  wird.  Das  Bellum  civile  ist
für  Tertia  zu  schwer,  und  in  Prima  hat  man  Wichtigeres  und  Gehaltvolleres
zu  lesen.

Wagler,  A.,  Cäsar  als  Schulbuch.  2.G.  11,  481.  —  H.  Meusel,  Schulausgabe
  des  Bellum  Gallicum  mit  einem  Anhang  über  das  römische  Kriegswesen  zu

Cäsars  Zeit  von  R.  Schneider.  Berlin,  W.  Weber.  —  Fries,  W.,  Eine  Cäsarlektion
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Schulen.  18