974  Weıssenreis:  Das  Lateinische.

in  Obertertia.  L.L.  3.  —  Köchly,  H.,  Cäsar  und  die  Gallier.  Heidelberg  1882.
—  Hilfsheft  zur  Ausgabe  von  Fügner.  Teubner.

4.  In  hervorragendem  Grade  für  die  Schullektüre  geeignet  ist  die  Geschichte
Alexanders  des  Großen  von  Q.  Curtius  Rufus,  und  zwar  ist  es  ein  Buch,
welches  von  Schülern  jedes  Alters,  sobald  sie  die  ersten  Schwierigkeiten.  des
Lateinlernens  überwunden  haben,  mit  Lust  gelesen  wird.  Natürlich  bietet
Curtius  keinen  zuverlässigen  militärischen  Bericht,  noch  erörtert  er  das  politische
Ideal  Alexanders,  aber  er  hat  sein  Material  mit  gestaltender  Kraft  sehr  wirkungsvoll
  reproduziert  und  versteht  es  vortrefflich,  Handlungen  aus  Willensregungen
abzuleiten  und  über  die  Natur  des  Menschen  überhaupt  feine  und  gut  formulierte
  Belehrungen  zu  spenden.  Dazu  gesellen  sich  glanzvolle,  die  Phantasie
anregende  Schilderungen.  Von  ganz  besonderem  Reiz  sind  die  eingestreuten
Reden,  die  wie  die  so  ziemlich  aller  alten  Geschichtsschreiber  auf  historische
Wahrheit  keinen  Anspruch  erheben,  aber  innerlich  wahr  sind  und  in  sehr  gewinnender
  Weise  die  Seele  der  erzählten  Vorgänge  enthüllen.  Man  braucht  in
dieses  Buch  nur  hineinzugreifen:  es  ist  überall  interessant  und  gehaltvoll.

Krah,  E.,  Curtius  als  Schullektüre.  Prgr.  Insterburg  1870,  1871.  —  Eußner,
Curtius  als  Schullektüre.  Blätter  f.  d.  bayrische  Gymnasialschulwesen,  9,  331.  —
Sparig  C.,  Vorschläge  zu  einer  Auswahl  aus  Curtius.  L.  L.  35.

5.  Der  ergiebigste  Schriftsteller  für  Sekunda  ist  Titus  Livius.  Nur  verspreche
  man  sich  von  ihm  nicht  zu  viel  Förderung  für  den  Geschichtsunterricht:
  wie  an  den  historischen  Stücken  Shakespeares  ist  das  Beste  an  ihm  das
Unbistorische.  Man  ist  heute  darüber  einig,  daß  Livius  weder  den  kritischen
Sinn  des  eigentlichen  Geschichtsforschers  besaß,  noch  strategische  Kenntnisse,
noch  einen  scharfen  politischen  Verstand.  Nicht  quellenmäßig  beglaubigte
historische  Wirklichkeit  bietet  er,  sondern  eine  poetisch-rhetorische  Reproduktion
  der  römischen  Vergangenheit.  Was  indessen  auch  die  kühle  Gelehrsamkeit
  gegen  sein  Werk  vorbringen  mag,  niemand  hat  so  viel  zum  Ruhme  Roms
beigetragen  wie  er.  Kann  man  auch  die  Tatsachen  der  römischen  Geschichte
chronologisch  geordnet  und  von  legendenartigen  Zutaten  gesäubert  besser  aus
zahlreichen  knappen  wie  umfangreichen  Römischen  Geschichten  kennen  lernen:
die  spezifisch  römische  Gesinnung,  deren  Produkt  die  Geschichte  Roms  ist,  hat
niemand  in  ihrem  Wesen  besser  erfaßt,  noch  in  gewinnenderer  Weise  zur  Darstellung
  gebracht.  Dies  muß  der  für  die  Auswahl  des  zu  Lesenden  entscheidende
  Gesichtspunkt  sein.  Wer,  wie  Dettweiler  will,  aus  Livius  in  erster  Linie
den  Aufbau  des  römischen  Staates  kennen  lernen  will,  wird  aus  dem  Kritisieren
  des  Livius  nicht  herauskommen.  Für  Verfassungsfragen,  heißt  es  ja,
gehe  ihm  das  Verständnis  ab,  und  im  Chronologischen  sei  er  nachlässig.  Noch
weniger  ist  Livius  ein  Schriftsteller,  an  dem,  wie  an  Cäsar,  zukünftige  Offiziere
ihre  Studien  machen  können.  Aber  er  versteht  es,  die  Geister  der  Vergangenheit
  wachzurufen,  der  Phantasie  des  Lesers  lebensvolle  Bilder  zu  bieten,  Stimmungen
  zu  schildern  und  das  Hinundherwogen  politischer  wie  menschlicher
Erwägungen  in  der  Seele  seiner  agierenden  Hauptpersonen  darzustellen.  Livius
lesend  wird  man  zu  einem  idealen  Römer,  im  Sinne  des  wahren  Idealismus,  der