Q.  Curtius  Rufus,  Titus  Livius.  275

nicht  über  alles  einen  rosenfarbenen  Schleier  wirft,  sondern  das  Wesentliche
herauskehrt,  allerdings  mit  liebender  Bevorzugung  des  Guten  und  Schönen.  Er
ist  nebst  Vergil  und  Horaz  der  eigentliche  Herold  von  Roms  Größe.  Für  das
aber,  was  der  römischen  Geschichte  erzieherischen  Wert  verleiht,  steht  Livius
unerreicht  da  Man  hüte  sich  also,  bei  der  Erklärung  mit  Verwertung  der
neuesten  Forschungsresultate  an  ihm  herumzunörgeln.  Dann  wird  er  eine  hohe
männliche  Denkweise  schaffen,  und  selbst  nüchterne  Schüler  werden  etwas  von
jenem  Begeisterungsrausche  spüren,  der  einst  über  Cola  Rienzi  kam,  wenn  er
Livius  las.  Neben  Cicero  und  Vergil  ist  er  der  gelesenste  römische  Schriftsteller
  gewesen.  Aus  ihm  vor  allem  hat  man  Roms  Geschichte  kennen  gelernt.
Es  stimmt  deshalb  ironisch  gegen  die  Geschichte,  wenn  man  bei  einem  hervorragenden
  Kenner  des  Livius,  bei  Weißenborn,  liest:  „Livius  hat  wie  kein  anderer
  dazu  beigetragen,  die  römische  Geschichte  zu  fälschen.“  Das  ist  in  einem
gewissen  Sinne  richtig,  und  doch  muß  jeder  zugeben,  daß  Livius  nicht  bloß
gefällt,  sondern  auch  eine  volle,  beseligende,  für  das  Große  und  Edle  begeisternde
  Wirkung  hervorbringt.  Läßt  die  heutige  Wissenschaft  auch  nicht
Schriften  wie  die  seine  als  wissenschaftlich  gelten,  so  besitzt  er  doch  die  vornehme
  und  seltene  Eigenschaft  eines  idealen  Jugendschriftstellerss.  In  erster
Linie  wird  die  Geschichte  des  zweiten  Punischen  Krieges,  wie  das  allerorten
geschieht,  zu  lesen  sein,  natürlich  mit  Auslassung  einiger  Abschnitte,  die  die
Gesamtwirkung  schwächen  würden.  Dann  die  legendenartige  Königsgeschichte,
die  man  aber,  sich  aller  historischen  Kritik  enthaltend,  als  Poesie  wirken  lassen
muß,  wie  überhaupt  Quintilians  Definition  der  Geschichte  als  Poesie  in  Prosa
(carmen  solutum)  auf  keinen  besser  paßt  als  auf  Livius.  Ferner  lese  man  aus
dem  zweiten,  dritten  und  vierten  Buche,  was  sich  auf  den  Kampf  der  Plebejer
um  Gleichberechtigung  mit  den  Patriziern  bezieht;  doch  hüte  man  sich  vor
subtilen  juristischen  Erörterungen.  Zu  überschlagen  ist  die  Erzählung  von  den
Kämpfen  mit  den  Äquern,  Volskern,  Hernikern.  Von  höchstem  Werte  für  die
Schule  aber  ist  das  Schicksal  der  Virginia  (III,  44—49)  und  was  über  Camillus
und  die  Gallier  erzählt  wird  (V,  32—55).  Doch  Livius  bietet  weit  ınehr,  als
in  der  kurzen  Schulzeit  gelesen  werden  kann.  Leitender  Grundsatz  sei  dieser,
daß  das  im  gewöhnlichen  Sinne  Militärische  als  unergiebig  für  die  Ziele  des
Gymnasiums  beiseite  zu  lassen  ist.  Vor  allem  lesenswert  sind  die  eingestreuten
Reden.  Sind  sie  auch  nicht  historisch  wahr,  so  machen  sie  doch  diese  ferne
Vergangenheit  lebendig  und  umspannen  in  ihrer  Gesamtheit  alles,  was  an  menschlichen
  und  politischen  Wünschen  und  Gedanken  in  der  Seele  des  Römers  sich
regte.  Wer  in  ihnen  nichts  als  rhetorische  Zierate  erblickt,  hat  ihres  Geistes
keinen  Hauch  verspürt.

Soltau,  W.,  Livius’  Geschichtswerk,  seine  Komposition  und  seine  Quellen.
Leipzig  1897.  —  Hudemann,  E.,  Die  Lektüre  des  Livius  auf  Gymnasien.  2.G.

5,497.  —  Fügner,  F.,  Zur  Liviuslektüre.  J.  P.P.  134,  496  u.  537.  —  Altenburg,
  O.,  Zwei  Studien  zur  Schulauslegung  der  4.  Dekade  des  Livius.  L.L.  49;
2.G.  51.  —  C.  Haupt,  Liviuskommentar  für  den  Schulgebrauch.  Teubner.  —

C.  Haupt,  Anleitung  zum  Verständnis  der  Livionischen  Darstellungsform.  Teubner.
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