2716  Weıissenrzis:  Das  Lateinische.

6.  Sallust.  Die  beiden  Monographien  des  Sallust  über  die  Catilinarische
Verschwörung  und  über  den  Jugurthinischen  Krieg  verdienen  ohne  Zweifel  mit
schulmäßiger  Gründlichkeit  den  Schülern  einer  oberen  Klasse  erklärt  zu  werden.
Was  ihnen  an  Treue  der  historischen  Erzählung  und  chronologischer  Genauigkeit
  abgeht,  das  ersetzen  sie  reichlich  durch  innere  Wahrheit,  durch  psychologischen
  Reichtum,  durch  Streben  in  die  Tiefe.  Dieser  Schriftsteller  versteht
es  wie  wenige,  Charaktere  einzelner  und  ganze  Gesellschaftsklassen  zu  zeichnen
und  durch  die  Magie  seiner  Sprache  und  durch  unhistorische  Reden,  in  denen
alle  wesentlichen  Elemente  der  dargestellten  Zeit  zusammengedrängt  sind,  das
Vergangene  gegenwärtig  zu  machen,  ja  ihm  die  höhere  Würde  einer  Offenbarung
  des  Menschlichen  zu  geben.  Das  sind  Eigenschaften  ersten  Ranges,
denen  gegenüber  man  kaum  von  seinem  Mangel  an  quellenmäßiger  Genauigkeit
und  an  politischer  Unparteilichkeit  zu  reden  wagt.  Er  ist  deshalb  auch  stets
gern  von  Schülern  gelesen,  von  Lehrern  erklärt  worden.  Die  preußischen  Lehrpläne
  empfehlen  eine  Auswahl  aus  Sallust.  In  erster  Linie  verdienen  gelesen
zu  werden  die  eingestreuten  Reden,  seine  Charakterschilderungen,  die  Mehrzahl
seiner  psychologischen  und  ethischen  Erörterungen,  ausgenommen  vielleicht  die
beiden  nicht  recht  geglückten,  aber  sehr  anspruchsvollen  Einleitungen.  Gewöhnlich
  läßt  man  sich  an  der  Catilinarischen  Verschwörung  genügen.  Die
andere  Schrift  ist  aber  die  besser  komponierte  und  überhaupt  die  reifere.

Eußner,  A.,  Sallust  in  der  Schule.  ZGW.  22,801.  —  Pajk,  J.,  Sallust  als
Ethiker.  Prgr.  Franz-Josephs-Gymn.  Wien  1892,  1894,  1895.  —  Schnorr  v.  Carolsfeld,
  H.,  Über  die  Reden  und  Briefe  des  Sallust.  Teubner.  —  Kubik,  J.,  Realerklärung
  und  Anschauungsunterricht  bei  der  Lektüre  des  Sallust  und  des  Bellum
civile  Cäsars.  Wien,  Hölder.

T.  Tacitus.  Die  vorletzten  Lehrpläne  hatten  diesem  Schriftsteller  die
erste  Stelle  in  der  lateinischen  Prosalektüre  zugewiesen.  Durch  die  letzten
Lehrpläne  ist  dieser  Fehlgriff  gutgemacht  worden.  Die  Stärke  des  Tacitus
liegt  in  seinem  unvergleichlichen  koloristischen  Talente.  Racine  nennt  ihn  le
plus  grand  peintre  de  l’antiquit6.  Ähnlich  urteilt  Ranke  in  seinen  Kritischen
Erörterungen  zur  alten  Geschichte.  Von  dieser  seiner  starken  Seite  zeige  man
ihn  dem  Schüler,  und  er  wird  als  Zugabe  in  Prima  willkommen  heißen  dürfen.
Daß  Tacitus  nicht  in  die  Weite  sah,  darüber  herrscht  wohl  keine  Meinungsverschiedenheit
  mehr:  von  seinem  aristokratischen  Standpunkte  mißbilligt  er
stets  die  auf  das  Wohl  des  Ganzen  gerichteten  Pläne  des  Tiberius..  Ebenso
fehlt  es  ihm  an  Tiefe:  er  merkt  nichts  von  dem,  was  damals  geräuschlos  an
die  Stelle  des  politischen  Ideals  trat.  Von  dem,  was  jene  Zeit  interessant  macht,
lernt  man  mehr  aus  dem  Philosophen  Seneca  als  aus  dem  Historiker  Tacitus.
Sein  Blick  sucht  nichts  in  der  Zukunft  als  eine  zweite  abgeschwächte  Gestaltung
  der  altrömischen  Freiheit.  Sodann  fehlt  seiner  zornvollen  Erzählung  die
Grundlage  einer  in  den  Hauptpunkten  klaren  Weltanschauung.  Seine  interessante
  Düsterheit  gilt  auch  nicht  dem  Problematischen  des  Daseins  überhaupt,
sondern  dem  bejammernswerten  Zustande  des  römischen  Staates,  in  welchem
solche  Cäsaren  herrschten,  während  die  Guten  und  Tüchtigen  zur  duldenden