Sallustius,  Tacitus,  Cicero.  277

Untätigkeit  verdammt  waren.  Der  Gegenstand  seiner  Sehnsucht  ist  nichts
Höheres  als  ein  durch  den  Einfluß  des  Senats  temperierter  Principatus.  Schließlich
  ist  Tacitus  auch  nicht  der  tiefe  Psychologe,  als  welchen  ihn  seine  Verehrer
  hinzustellen  pflegen.  Er  scheint  nur  bis  in  die  geheimsten  Kammern  des
Innern  vorzudringen.  Genaueres  über  diesen  Punkt  in  meinen  Kernfragen  des
höheren  Unterrichts  S.  276—291.  Seine  Sprache  ist  sehr  interessant,  aber  manieriert,
  obgleich  es  ihr  auch  nicht  an  glücklichen,  der  Anlage  des  Lateinischen
durchaus  entsprechenden  Weiterentwicklungen  fehlt.  Man  wird  demnach  aus
Tacitus  für  die  Schule  solche  Abschnitte  auswählen,  welche  seine  Schilderungskunst
  in  hellstem  Lichte  strahlen  lassen.  Als  solche  nenne  ich  die  Erzählung
vom  Aufruhr  der  pannonischen  und  der  germanischen  Legionen  aus  dem  ersten
Buche  der  Annalen  (16—51)  und  die  sich  daranschließende  Expedition  gegen
die  Chatten  (55—71).  Ferner  sei  empfohlen  der  Anfang  des  dritten  Buches:
Agrippina  mit  der  Asche  ihres  Gemahls  in  Brundisium  landend.  In  solchen
Abschnitten  ist  er  unvergleichlich.  Seiner  verleumderischen  Psychologie  und
seinem  beschränkten  Aristokratengrimme  aber  gehe  man  aus  dem  Wege.  Absehen
  soll  man  auch  von  den  Partien,  wo  langgestreckte  Flächen  rein  militärischer
  Erzählung  sich  nur  selten  zu  den  Höhen  seiner  glänzenden  Schilderung
erheben.  Aus  den  vier  letzten  Büchern  der  Annalen  lassen  sich  passende  Abschnitte
  um  Burrus  und  Seneca  gruppieren.  Auch  die  dämonische  Größe  der
jüngeren  Agrippina  hat  er,  den  Kommentarien  ebendieser  Agrippina  folgend,
vortrefflich  geschildert.  Die  Historien  sind,  zumnl  langsam  gelesen,  keine  geeignete
  Schullektüre.  Jedenfalls  zu  lesen  aber  ist  die  Germania,  d.  h.  der  erste,
allgemeine  Teil,  bis  zum  Schlusse  des  siebenundzwanzigsten  Kapitels.  Diese
Schrift  wird  erst  schwer,  wenn  man  sie  als  Grundlage  der  deutschen  Altertumskunde
  betrachtet.  Im  Agricola  bietet  die  Erzählung  dieser  Expeditionen
gegen  eine  der  Freiheit  noch  nicht  entwöhnte  Provinz  des  Interessanten  sehr
vieles.  Die  beiden  Reden  und  die  sich  daran  schließende  Beschreibung  des
Entscheidungskampfes  sind  sogar  von  großartiger  Wirkung.  Der  Form  nach
freilich  bietet  diese  Schrift  die  seltsamsten  Kühnheiten.  Gehört  sie  doch
der  Periode  des  werdenden  und  nach  einer  originalen  Sprache  ringenden
Tacitus  an.  Die  wärmste  Empfehlung  aber  gebührt  von  seiten  des  Pädagogen
dem  Dialogus  de  oratoribus.  Erstens  ist  die  angenehme  Fülle  des  Ausdrucks
mit  dem  reichen  und  mannigfaltigen  Inhalte  in  schönstem  Einklange.  Dazu
gesellt  sich  die  kulturhistorische  Bedeutung  der  Schrift.  Von  der  Beredsamkeit
  ausgehend,  bietet  der  Verfasser  eine  geistvolle  Gegenüberstellung  des
Bildungsstrebens  zweier  Jahrhunderte.  Alles  ladet  hier  zum  Verweilen  und
Eindringen  ein.

Haase,  Fr.,  Die  lateinisch  geschriebene  Einleitung  zur  Tauchnitzschen  Ausgabe.
—  Weißenfels,  O.,  Kernfragen,  8.  276.  Weidmann.  —  Draeger,  A.,  Über  Syntax
und  Stil  des  Taeitus.  Teubner.  —  Andersen,  G.,  Der  Dialogus  de  oratoribus  als
Schullektüre.  ZGW.  25,  305.  —  Altenburg,  O.,  Probe  einer  Schulauslegung  von
Tacitus’  Agricola.  Prgr.  Wohlau  1896.

8.  Cicero.  Dieser  hatte  so  lange  als  der  Schulschriftsteller  xar'  ESoynv