278  Weıssenrrıs:  Das  Lateinische.

gegolten.  Da  erfolgten  die  leidenschaftlichen  Angriffe  Drumanns  und  Mommsens.
  Nachdem  er  das  Übermaß  der  Bewunderung,  die  ihm  früher  gespendet
wurde,  gebüßt  hat,  fängt  man  jetzt  an,  wieder  in  einem  anderen  Tone
über  ihn  zu  sprechen.  Er  ist  länger  als  anderthalb  Jahrtausende  hindurch
der  gelesenste  Schriftsteller  gewesen.  Wird  er  nun  auch  schwerlich  wieder
der  praeceptor  generis  humani  von  früher  werden,  so  ist  doch  im  Interesse
des  Gymnasiums  zu  wünschen,  daß  diesem  für  die  Bedürfnisse  der  reiferen
Jugend  vorzüglich  geeigneten  Schriftsteller  von  der  Schule  wieder  eine  ernste
Beachtung  geschenkt  werde.  In  den  vorletzten  Lehrplänen  waren  seine  wichtigsten
  Schriften  mit  keinem  Worte  erwähnt;  die  letzten  Lehrpläne  haben  diesen
Fehler  gutgemacht  und  sind  auch  in  dieser  Hinsicht  als  ein  Fortschritt  zu  begrüßen.
  Selbst  wenn  alles  wahr  sein  sollte,  was  über  den  Wortschwall  seiner
Reden  und  über  seine  staatsmännische  Unfähigkeit  gespottet  worden  ist,  bleibt
ihm  doch  dieses  Lob,  durch  seine  klangvolle  und  eindringliche  Stimme,  durch
seine  Begeisterung  für  die  höheren  menschlichen  Ziele  wie  durch  seine  Geschicklichkeit
  im  Aneignen  und  Reproduzieren  zu  einem  Herold  der  griechischen
Kultur  geworden  zu  sein.  Solange  das  Griechische  mit  dem  Lateinischen  nicht
die  Rolle  im  Lehrplane  der  Gymnasien  gewechselt  hat,  wird  es  das  Natürlichste
sein,  die  Beschäftigung  mit  dem  Altertum  in  ihm  und  in  Horaz  als  in  deu
alles  resiimierenden  Schriftstellern  gipfeln  zu  lassen.  Deshalb  ist  es  durchaus
notwendig,  daß  der  Lehrer  des  Lateinischen  in  Prima  auch  in  den  Werken  der
Griechen  gut  zu  Hause  sei.  Eine  Lehrbefähigung  für  das  Lateinische  sollte
für  die  oberste  Stufe  nicht  erworben  werden  können,  wenn  nicht  zugleich  (lie
für  das  Griechische  gleichfalls  für  die  oberste  Stufe  erworben  wird.

Was  die  Gesamtheit  von  Ciceros  Schriften  an  edlem  Lesestoff  bietet,  ist
so  erstaunlich  reich  und  vielseitig,  daß  ein  Teil  davon  für  alle  Klassen  des
Gymnasiums  ausreichen  würde.  Nur  etwas  Dichterlektüre  müßte  sich  noch
hinzugesellen.  Selbst  in  historischer  Hinsicht  ist  die  Lektüre  Ciceros  für  die
Schule  ergiebiger  als  die  der  römischen  Historiker.  Auch  ohne  in  die  für  die
Schule  bei  der  fremdsprachlichen  Lektüre  nicht  zu  bewältigende  Breite  der
historischen  Erzählung  zu  gehen,  hat  er  doch  alles,  was  an  treibenden  Kräften
in  dem  Charakter  des  römischen  Volkes  vorhanden  war  und  sich  in  den  Entwicklungskrisen
  der  römischen  Verfassung  geltend  machte,  in  einer  gewinnenden
Weise  zur  Darstellung  gebracht.  Zugleich  hat  er  das  Typische,  in  psychologischer,
  ethischer,  staatsphilosophischer  Hinsicht  Wertvolle  aus  der  grenzenlosen
Fülle  des  historischen  Materials  auszuwählen  verstanden.  Das  alles  aber  bietet
er  in  einer  anschaulichen,  bei  aller  stilistischen  Kunst  naiven  Sprache  und  mit
einer  anmutigen  Erzählungskunst,  die  das  feste  Gemäuer  der  Gedanken  und
Tatsachen  wie  von  grünenden  Ranken  umzogen  erscheinen  läßt.  Das  Ganze
kann  man  als  eine  resümierende  Betrachtung  der  römischen  Geschichte  vom
Standpunkte  eines  politisch-philosophischen  Optimismus  bezeichnen.  In  unserem
skeptischen  Jahrhundert  mag  dieser  feste  Glaube  an  die  siegreiche  Kraft  des
Vernünftigen  und  Guten  dem  Manne  naiv  erscheinen,  aber  der  Jugend  ist  doch
zn  allen  Zeiten  eine  solche  Betrachtungsweise  sympathisch  und  förderlich  ge-