Cicero.  279

wesen.  Dazu  kommt  die  zum  Überschauen  einladende  Tendenz  seiner  Schriften.
Was  seine  Sprache  schließlich  betrifft,  so  braucht  man  darin  keine  erschöpfende
Gestaltung  des  Lateins  zu  erblicken,  tiber  welche  hinaus  keine  neuen,  der
Sprache  gleichfalls  noch  gemäßen  Formen  gefunden  werden  konnten,  aber  jedenfalls
  ist  es  eine  sehr  reiche  und  der  Hauptsache  nach  vollständige  Gestaltung,
die  durch  fast  nichts  Subjektives  im  Sinne  des  Willkürlichen,  Ungesetzmäßigen
und  den  Tendenzen  des  Lateins  Widersprechenden  getrübt  wird.  Dazu  kommt
die  Mannigfaltigkeit  seiner  Stoffe  und  dementsprechend  die  Mannigfaltigkeit
seiner  Rede:  Cäsar  spielt  mit  Meisterschaft  ein  einzelnes  Instrument,  Cicero
aber  dirigiert  ein  ganzes  Orchester.  Allerdings  verdankt  Cicero  sehr  viel  der
Gunst  der  Zeit.  Damals  gerade  waren  alle  Kräfte  der  römischen  Sprache  für
die  Sichtbarwerdung  reif  und  hatten  anderseits  noch  nicht  in  langem,  dunklem
Harren  die  Energie  der  reifen  Triebkraft  eingebüßt.  So  ist  er  denn,  obgleich
er  so  viel  Griechisches  in  seinem  Denken  hatte,  der  größte,  der  römischen  Sprache
und  Anlage  gemäße  Schriftsteller  geworden.  Genaueres  über  diesen  Punkt  in
meiner  Schrift  „Cicero  als  Schulschriftsteller“  (Teubner),  im  ersten  Kapitel  „Die
klassische  lateinische  Prosa“.  Von  Cicero  kann  man  in  der  Tat  sagen,  daß  er,
die  Elemente  der  griechischen  und  römischen  Bildung  in  sich  zusammenfassend
und  sie  in  eine  schöne  und  gewinnende  Form  gießend,  einen  länger  als  tausend
Jahre  vorhaltenden  Damm  aufgeworfen  hat  gegen  die  Überflutung  durch  ein
Barbarentum,  das  an  bedeutenden  und  originellen  Bestandteilen  zwar  reich  war,
dem  aber  noch  lange  die  Reife  der  Klarheit  und  Schönheit  fehlen  sollte.

Es  erklärt  sich  aus  der  hochgradigen  Abneigung  gegen  alles  Philosophische,
daß  außer  einigen  Reden  und  Briefen  in  der  letzten  Zeit  an  deutschen  Gymnasien
  nicht  eben  viel  von  Cicero  gelesen  worden  ist.  Durch  die  vorletzten,  von
Historikern  inspirierten  Lehrpläne  war  der  Lektürekanon,  für  das  Lateinische
jedenfalls,  mit  Rücksicht  auf  die  Ergiebigkeit  für  die  eigentliche  Geschichte
aufgestellt  worden.  Die  letzten  Lehrpläne  gewähren  einen  viel  weiteren  Spielraum.
  Auch  mehren  sich  die  Anzeichen,  daß  sie  bald  wieder  vorbei  sein  wird,
die  philosophielose,  die  schreckliche  Zeit.  Der  Tag  wird  kommen,  wo  es  die
herrschende  Überzeugung  ist,  nullum  miserierum  in  scholis  fore  finem,  nisi  aut
praeceptores  facti  sint  philosophi  aut  philosophi  praeceptores.

Die  Reden  Ciceros  sind  historische  Zeugnisse,  zu  einem  Teile  sogar  historische
  Ereignisse.  Aber  seine  literarische  Bedeutung  gipfelt  nicht  in  diesen
Reden,  obgleich  sein  Name  zu  dem  der  Beredsamkeit  geworden  ist.  Erstens
sind  gerichtliche  und  politische  Reden  nur  selten  von  einer  den  Wechsel  der
Zeit  überdauernden  Bedeutsamkeit.  Außerdem  ist  die  Gefahr  der  lügnerischen
Entstellung  zugunsten  einer  Partei  oder  eines  Klienten  hier  ganz  besonders
groß.  Auch  Ciceros  Reden  durchweht  ein  gewisser  Advokatengeist.  Für  das
humanistische  Bildungsideal  sind  sie  deshalb  nur  schwer  fruchtbar  zu  machen.
Können  sie  auch  hinsichtlich  der  rhetorischen  Technik  kaum  übertroffen  werden,
so  zeigt  sich  doch  die  volle  Reife  seines  schriftstellerischen  Talentes  erst  in
seinen  anderen  Schriften.  Eine  sehr  sympathische  und  auch  mit  Rücksicht  auf
den  historischen  Gewinn  empfehlenswerte  Rede  ist  die  pro  Sex.  Roscio  Amerino,