280  Weısswxreıs:  Das  Lateinische.

in  welcher  der  jugendliche  Cicero  noch  ganz,  wie  Halm  sagt,  im  Gewande  der
Unschuld  erscheint.  Sodann  kommen  für  die  Schule  die  vierte  und  fünfte
Verrine  in  Betracht,  sowohl  wegen  ihres  hochinteressanten  und  mannigfaltigen
Inhaltes  wie  wegen  ihrer  bewunderungswürdig  abgestuften  Behandlung  der
Sprache.  Man  findet  in  ihnen  vollendete  Muster  aller  Stilformen.  Was  die
Rede  pro  Archis  poeta  betrifft,  so  könnte  die  Schule  ruhig  auf  den  eigentlichen
Gegenstand  dieser  Rede  verzichten;  aber  das,  was  mit  schönem  und  wahrem
Enthusiasmus  extra  causam  darin  von  den  Wissenschaften,  von  der  Poesie,  von
dem  Ruhme  gesagt  wird,  macht  sie  zur  Schulrede  xar’  &amp;oyrv.  Die  Rede  pro
imperio  Cn.  Pompei  ist  das  schulmäßige  Muster  einer  kunstvoll  gestalteten  Rede
und  voller  Bezüge  auf  die  damaligen  historischen  Ereignisse,  aber  innerlich  unbedeutend.
  Auch  die  Catilinarischen  Reden  kann  man  nicht  warm  für  die
Schule  empfehlen.  Revolutionäre  Zeiten  haben  zwar  stets  ein  bedeutendes
psychologisches  Interesse,  aber  diese  Verschwörung  Catilinas  bietet  nicht  das
erhabene  Bild  eines  Sturmes,  sondern  ist  vielmehr  einem  ekelhaften,  aus  verdorbenen
  Säften  des  Staatskörpers  entstandenen  Geschwüre  vergleichbar.  Auch
der  in  demselben  Jahre  gehaltenen  Rede  pro  Murena  gebührt  kein  Ehrenplatz
im  Kanon  der  Schullektüre.e  Man  bewundert  mit  Recht  ihren  glücklichen
Humor;  aber  die  Kost,  die  sie  bietet,  ist  zu  wenig  substanziell,  um  als  lateinische
  Prosalektüre  eines  ganzen  Semesters  in  der  obersten  Klasse  auszureichen.
Noch  weniger  eignet  sich  für  die  Schule  die  Rede  pro  Sestioi.  Wozu  dem
Schüler  das  Unerquickliche  der  damaligen  städtischen  und  politischen  Zustände
aus  nächster  Nähe  zeigen?  Es  könnte  ja  nur  mit  Vernachlässigung  von  weit
wichtigeren  Seiten  des  Altertums  geschehen.  Auch  ist  es  heute  sehr  schwer,
die  Wirkung  des  naiven  Selbstlobes,  welches  Cicero  in  dieser  Rede  sich  selbst
und  seiner  Sache  spendet,  zu  neutralisieren.  Wer  denn  durchaus  die  heillosen
Zustände  des  damaligen  Roms  aus  dem  Berichte  eines  Zeitgenossen  kennen
lehren  will,  lese  lieber  mit  seinen  Schülern  die  Rede  pro  Milone  Doch  wird
such  diese  keine  Gedanken  von  nennenswerter  Keimkraft  in  die  Seele  der
Schüler  werfen.  Von  den  kleinen  vor  Cäsar  gehaltenen  Reden  ist  die  pro  Ligario
  in  künstlerischer  Hinsicht  die  beste;  aber  psychologisch  und  darum  auch
pädagogisch  am  bemerkerswertesten  ist  die  für  M.  Marcellus,  den  stolzen  Republikaner,
  der  es  verschmähte,  Cäsar  um  Verzeihung  anzuflehen,  und  fern  von
Rom,  in  Mitylene,  sich  glücklich  schätzte,  so  viel  Verhaßtes  nun  nicht  mehr  mit
eigenen  Augen  sehen  zu  brauchen.  Die  Rede  pro  Sulla  ferner  ist  ein  bedeutendes
  historisches  Dokument  und  gehört  zu  Ciceros  besten  Reden;  die  Rede
pro  Plancio,  welche  die  Dankbarkeit  als  Mutter  aller  Tugenden  preist,  hat  sogar
  etwas  Sympathisches.  Unter  den  von  Haß  durchglühten  Philippischen  Reden
sind  die  erste,  zweite  (mit  einigen  Auslassungen)  und  die  sehr  bedeutende
siebente  für  die  Schule  brauchbar,  auch  wohl  noch  die  dritte.

Mit  besonderer  Wärme  sind  die  Briefe  Ciceros  als  Schullektüre  empfohlen
worden.  Wer  kann  auch  leugnen,  daß  sie  in  vielfacher  Hinsicht  interessant
sind?  Und  ihr  literarischer  Wert  steht  gleichfalls  außer  allem  Zweifel.  Die
Kunst  ist  in  ihnen  zur  Natur,  die  Natur  zur  Kunst  geworden.  Wieviel  läßt