Cicero.  281

sich  für  die  Kenntnis  der  Vorgünge  am  Ausgange  der  römischen  Republik  aus
diesen  Briefen  gewinnen!  Und  dann  machen  sie  uns  zu  Zuschauern  des  täglichen
  Lebens  der  Alten,  wie  sie  uns  auch  an  die  treibenden  Kräfte  ihres
Innern  näher  heranführen  als  die  ernsteren  Literaturgattungen.  Aber  jeder  einzelne
  Brief  ist  aus  einer  vielfältig  bedingten  Situation  herausgeschrieben,  zu
deren  mühevoller  und  zeitraubender  Bewältigung  bei  der  Interpretation  in  der
Schule  der  Ertrag  in  keinem  Verhältnis  steht.  Die  Stimmung  des  Schreibenden
wie  des  Empfängers  müßte  zugleich  mit  psychologischer  Feinheit  analysiert
werden.  Dazu  kommt,  daß  Ciceros  Korrespondenz  vorwiegend  eine  politische
Korrespondenz  ist,  in  der  sich  das  schwankende  Spiel  der  politischen  Parteien
während  einiger  bedeutungsvoller  Jahre  widerspiegelt.  Dieses  Ziel  ist  nicht
hinlänglich  hoch,  um  die  ganze  Prosalektüre  während  eines  ganzen  Semesters
auf  der  obersten  Stufe  daranzusetzen.  Überdies  kann  man  ihrer  nur  ganz  wenige
lesen,  weil  es  zu  ihrer  Durchleuchtung  der  umständlichsten  Gründlichkeit  bedarf.
  Werfen  doch  die  Herausgeber  dem  Cicero  unaufhörlich  vor,  daß  er  die
Lage  des  Staates  nicht  richtig  erfaßt,  daß  er,  durch  ein  falsches  Ideal  geblendet,
was  seiner  Zeit  not  tat,  nicht  erkannt  habe.  Findet  man  zum  Lesen  von  Briefen
in  den  lateinischen  Stunden  Zeit,  so  soll  man  wenigstens  die  nichtpolitischen
Briefe  der  Ciceronischen  Sammlung  bevorzugen.

In  ganz  andere  Tiefen  und  zu  ganz  anderen  Höhen  als  die  Briefe  führen
die  philosophischen  Schriften  Ciceros.  Um  sie  entbehren  zu  können,  müßte
man  erst  in  allem  Ernst  das  Griechische  an  die  erste  Stelle  setzen.  Daß  sie
dem  Ideal  der  heutigen  historisch-philologischen  Forschung  nicht  entsprechen
und  um  vieles  unbekümmert  sind,  was  heute  sehr  hoch  gestellt  zu  werden
pflegt,  beweist  für  den,  der  nicht  die  Fesseln  unserer  Zeit  trägt,  nichts  gegen
ihren  Wert,  vor  allem  nichts  gegen  ihren  pädagogischen  Wert.  In  diesen
Schriften  hat  man  es  mit  dem  Niederschlag  des  gesamten  antiken  Wollens  und
Denkens  zu  tun.  Deshalb  gewähren  sie  viel  tiefer  gehende  Anregungen  als  die
heute  bevorzugten  historischen,  teils  politischen,  teils  militärischen  Schriften.
Allerdings  hat  Cicero  diese  Schriften  in  großer  Eile  niedergeschrieben,  um
seinem  gequälten  Innern  in  einer  angemessenen  Beschäftigung  eine  heilsame
Ablenkung  zu  schaffen.  Aber  er  behandelt  hier  doch  nicht  Dinge,  die  er  selbst
erst  zum  Zwecke  des  schnellen  Niederschreibens  schnell  gelernt  hatte.  Von
frühester  Jugend  an  war  ihm  ja  die  Philosophie  eine  Gefährtin  gewesen.  Von
der  Arbeit  angestrengten  Überlegens  konnte  demnach  für  ihn,  den  Virtuosen
des  Stils,  beim  Niederschreiben  nicht  die  Rede  sein.  Übrigens  sind  es  gerade
die  von  Cicero  herausgegriffenen  Seiten  der  griechischen  Philosophie,  welche
für  die  Kulturentwicklung  sich  durchaus  fruchtbar  gezeigt  haben.  Nur  in  den
Büchern  de  finibus,  in  denen  de  natura  deorum  und  in  den  Academicis  sind
Spuren  von  dem,  was  nach  dem  stoischen  Ausdruck  eine  xar&amp;  gılocoplav  Aento-Aoyl«
  war.  Hier,  gestehe  ich,  ist  Cicero  zu  tadeln.  Denn  wenn  man  auf  solche
Subtilitäten  überhaupt  eingeht,  muß  man  sie  subtiler  behandeln.  Der  Hauptsache
  nach  bietet  Cicero  im  edlen  Sinne  populäre  Darstellungen  der  ethischen
Hauptprobleme.  Das  ist  von  der  einen  Seite  betrachtet  allerdings  weniger  als