282  Werıissenreıs:  Das  Lateinische.

eine  wissenschaftliche  Erklärung  des  systematischen  Zusammenhangs;  von  der
anderen  Seite  betrachtet  aber  gibt  es  nichts  Höheres,  als  große  Gedanken
durch  lichtvolles  Hervorkehren  ihres  Kerns  und  durch  künstlerischen  Gebrauch
  der  Darstellungsmittel  dem  Sinne  der  Gebildeten  zugänglich  zu
machen.

Zum  Schluß  noch  ein  Wort  über  die  rhetorischen  Schriften  Ciceros
(Orator,  de  oratore,  Brutus,  de  optumo  genere  oratorum).  Auch  diese  sind  für
die  oberste  Stufe  hervorragend  geeignet:  sie  sind  nicht  bloß  von  hoher  Formvollendung,
  sondern  zugleich  mit  dem  edelsten  Bildungsgehalic  gesättigte  und
zusammenfassende  Schriften  in  des  Wortes  bester  Bedeutung.  Nicht  etwa  bloß
die  sogenannte  Rhetorik,  sondern  das  antike  Bildungsideal  überhaupt  lernt  man
aus  diesen  Büchern  kennen.  Sie  umspannen  den  Kreis  aller  geistigen  Interessen
  des  Altertums..  Im  Sinne  der  Alten  beleuchten  sie  den  Ursprung,  das
Wesen  und  den  Zweck  des  Staates,  machen  mit  den  bedeutendsten  römischen
und  griechischen  Institutionen  bekannt,  enthalten  alle  Elemente,  welche  zur  antiken
  Humanität  gehören.  Schließlich  werfen  sie  leuchtende  Strahlen  in  fast
alle  Gebiete  der  alten  Literatur  und  suchen  zugleich  mit  gewissenhaftester
Klarheit  nach  den  Grundbegriffen  jener  Wissenschaft  des  Schönen.

Boissier,  G.,  Ciceron  et  ses  amis,  deutsch  von  E.  Döhler.  Teubner.  —  Aly,  F.,
Cicero,  sein  Leben  und  seine  Schriften.  Weidmann.  —  Zielinski,  Th.,  Cicero,  im
Wandel  der  Jahrhunderte.  Teubner.  —  Weißenfels,  O.,  Cicero  als  Schulschriftsteller.
  Teubner.  —  Deuerling,  A.,  Cicero  als  Schulschriftsteller.  München  1893.  —
Dettweiler,  P.,  Über  den  didaktischen  Wert  der  Rede  pro  Roscio  Amerino,  der
philippischen  Reden.  Halle,  Waisenhaus.  —  Weißenfels,  O.,  Ciceros  Briefe  als  Schullektüre
  (Kernfragen,  Neue  Folge,  S.  246).  —  Schmidt,  O.  E.,  Ciceros  Briefe  in  der
Schule  NJ.  8,162.  —  Schneidewin,  M.,  Die  antike  Humanität  (beschäftigt  sich
vorwiegend  mit  Cicero).  Weidmann.  —  Weißenfels,  O.,  Einleitung  in  Ciceros  rhetorische
  Schriften  nebst  einem  Abriß  der  Rhetorik.  Teubner.  —  Schmidt,  O.  E.,  Ciceros
Villen.  Teubner.  —  Schmidt,  O.  E.,  Ciceros  Briefwechsel.  Teubner.  —  Aly,  Die
Bedeutung  Ciceros  für  das  humanistische  Gymnasium  (Human.  Gymn.  1904  u.  ff.).
V.  Gardthausen,  Augustus  u.  seine  Zeit  (Teubner),  H.  Schwartz,  Charakterköpfe
aus  der  antiken  Literatur  (Hesiod,  Pindar,  Thbukydides,  Euripides,  Sokrates,  Plato,
Polybios,  Poseidonios,  Cicero).  Teubner.

9.  Ich  komme  nun  zu  den  Dichten.  Was  Ovid  betrifft,  so  verdient  er  in
weiterem  Umfange  gelesen  zu  werden  als  bisher.  Ohne  Zweifel  ist  ihm  durch  den
auch  auf  der  Schule  mit  Cäsar  getriebenen  Kultus  ein  Teil  der  ihm  gebührenden  Zeit
geraubt  worden.  Vor  kurzem  ist  ihm  in  Tegge  ein  beredter  und  kenntnisreicher
Verteidiger  erstanden.  Dieser  sagt  es  offen  heraus,  die  Lektüre  Ovids  scheine  ihm
weit  lohnender  als  die  des  Livius  oder  sonst  eines  Schriftstellers  „voll  Krieg
und  Kriegsgeschrei“.  So  klar  und  fließend  aber  auch  die  Sprache  Ovids  ist,
so  bietet  sie  doch  dem  Anfänger  sehr  große  Schwierigkeiten,  und  selbst  durch
reichliches  Lesen  kann  sie  dem  Schüler  nie  so  vertraut  werden  wie  die  naive
Sprache  Homers.  Tegge  ist  der  Meinung,  daß  Ovid  in  UllI  noch  nicht  gelesen
  werden  dürfe,  in  OII  und  UI  aber  die  einzige  lateinische  Dichterlektüre
sein  müsse.  Außerdem  solle  er  wenigstens  privatim  noch  in  OIl  und  I  gelesen