Cicero,  Ovid.  283

werden.  Zu  diesem  Zwecke  hat  er  eine  zweibändige  Auswahl  aus  Ovid  veröffentlicht
  (Weidmann),  die  an  sprachlichen,  sachlichen,  mythologischen  Belehrungen
  dem  Schüler  in  reichen  Maße  alles  bietet,  was  er  irgend  nötig  hat,
und  den  einzelnen  Stücken  sehr  sorgfältig  ausgearbeitete  Vorbemerkungen  vorausschickt.
  Wenn  irgendein  Prosaiker  oder  Dichter,  so  muß  Ovid  nach  einer
Chrestomathie  gelesen  werden.  Kommt  es  ja  doch  ganz  und  gar  nicht  darauf
an,  die  Geschicklichkeit  und  Mannigfaltigkeit  erkennen  zu  lassen,  mit  der  er  in
den  Metamorphosen  von  einer  Erzählung  zur  anderen  hinüberleitet.  Davon
einige  Proben  gegeben  zu  haben,  würde  durchaus  genügen.  Nun  bieten  die  Metamorphosen
  zwar  für  sich  allein  schon  weit  mehr,  als  durch  bloße  Klassenlektüre
bewältigt  werden  kann,  aber  es  empfiehlt  sich  auch  aus  den  Fasten  einiges  zu
lesen.  Man  könnte  zuerst  an  die  Apotheose  des  Romulus  (Il,  475—512),  an
die  Vertreibung  der  Könige  (II,  687—852),  an  die  Gründung  Roms  und  den
Tod  des  Remus  (IV,  809-—858)  denken.  Vor  diesen  Stücken  aber  verdienen
einige  aus  den  Tristien,  aus  den  Epist.  ex  Ponto,  aus  den  Amores  den  Vorzug.
Es  sind  folgende,  von  Tegge  sämtlich  in  seine  Auswahl  aufgenommene:  Der
Dichter  an  sein  Buch  (Trist.  I,  1),  der  Abschied  von  Rom  (Trist.  I,  3),  der  Brief
des  kranken  Ovid  an  seine  Gattin  (Trist.  III,  3),  der  Winter  in  Tomi  (Trist.
II,  10),  der  Lebenslauf  Ovids  (Trist.  IV,  10),  die  Sehnsucht  nach  der  Heimat
(ex  Ponto  1,3),  die  Unsterblichkeit  der  Dichter  (Am.  I,  15),  die  Elegie  auf  den
Tod  des  Tibullus  (Am.  IIL,  9).  Die  meisten  Schüler  verlassen  heute  das  humanistische
  Gymnasium,  ohne  eine  griechische  oder  römische  Elegie  gelesen  zu
haben.  Wer  kann  das  billigen?  Was  die  Metamorphosen  betrifft,  so  wird  man
den  ausgeführteren  Stücken  den  Vorzug  geben,  und  unter  diesen  wieder  denen,
die  eine  dem  Schüler  in  den  Hauptzügen  schon  bekannte  Sage  behandeln  oder
wenigstens  nicht  aus  einer  verwickelten  und  an  seltsamen  Namen  überreichen
Situation  herausgewachsen  sind.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  nicht  der
Stoff  der  Sage  die  Hauptsache  ist,  sondern  die  Art  der  Behandlung.  Ovid  besitzt
  nicht  bloß  das  glücklichste  Erzäblungstalent,  sondern  zugleich  auch  psychologischen
  Reichtum.  Welche  Fülle  wirklich  belebenden  Details  in  seinen  Erzählungen!
  Welche  ausgeführte,  aus  tiefer  Kenntnis  des  menschlichen  Herzens
geschöpfte  Seelenmalereil  Leider  gesellt  sich  dazu  oft  etwas  Tändelei.  Das
ist  die  Kehrseite  seiner  Schaffensleichtigkeit.  Seine  reiche  Einbildungskraft
stellt  ihm  immer  gleich  etwas  zu  viel  zur  Verfügung,  und  er  schwelgt  oft  in
seinem  Überflusse.  Vergil  und  Horaz  mußten  ihre  poetischen  Schätze  durch
Druckwerk  und  Röhren  in  die  Höhe  pressen,  aber  sie  hatten  vor  Ovid  die
künstlerische  Selbstzucht  voraus.  Quintilian  hatte  ihn  richtig  erkannt  (X,  1,98):
Ovidii  Medea  videtur  mihi  ostendere,  quantum  ille  vir  praestare  potuerit,  si  ingenio
  suo  imperare  quam  indulgere  maluisset.  Aber  auch  unter  seinen  Erzählungen
  in  den  Metsmorphosen  gibt  es  genug,  die  man  kurzweg  vollendet
nennen  kann  und  die  der  Bewunderung  des  jungen  Goethe  vollkommen  würdig
erscheinen.  Ovid  versteht  die  alten  Sagen  zu  beleben,  versteht  es,  klagen  und
jubeln  zu  lassen.  Die  Metamorphosen  sind  nicht  bloB  ein  kaleidoskopisches
Dichtervirtuosenspiel,  sie  entsprechen  auch  dem  allgemein  menschlichen  und