284  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

besonders  auch  dem  unbewüßten  jugendlichen  Verlangen  nach  Offenbarungen
über  die  Fundamentalkräfte  unseres  Innern.

Bischoff,  E.,  Didaktische  Stoffauswahl  für  den  Kanon  der  Ovidlektüre  in  Obertertia.
  ZGW.  47,397.  —  Solmsen,  F.,  Vorschläge  für  einen  Ovidkanon.  —  Ihm,  G.,
Materialien  für  die  Ovidlektüre.  Paderborn  1890.  —  Friedel,  O.,  Materialien  zum
Ovidunterricht.  Prgr.  Wernigerode  1892.  —  Richter,  G.,  Zwei  Ovidstunden  in
Untertertia.  L.L.  1.  —  Fickelscherer,  M.,  Hilfsheft  zur  Ovidausgabe.  Teubner.
—  Engelmann,  R.,  Bilderatlas  zu  Ovids  Metamorphosen.  —  Tegge,  Das  Vorwort
zum  ersten  und  zweiten  Teile  der  Auswahl  aus  Ovid.  Weidmann.

10.  Dem  Vergil  gegenüber  befindet  sich  das  Gymnasium  in  einer  schlimmen
Lage.  Ich  rede  nicht  davon,  daß  auch  er,  wie  Cicero,  das  Zuviel  seiner  früheren
Bewunderung  in  der  letzten  Zeit  bitter  hat  büßen  müssen.  Die  Schwierigkeit
liegt  darin,  daß  er  für  Sekunda  eigentlich  zu  schwer  ist,  und  daß  man  in  Prima
für  ihn  keine  Zeit  übrig  hat.  Leider  ist  auch  nicht  zu  hoffen,  daß  der  Schüler
sich  in  einen  an  Schwierigkeiten  so  reichen  Dichter  wirklich  einlesen  und  dann
für  seine  Anfangsmühen  reiche  Früchte  ernten  werde.  Gleichwohl  ist  Vergil
nächst  Cicero  und  Horaz  für  das  beranwachsende  Geschlecht  die  am  reichsten
fließende  Quelle  für  die  Kenntnis  des  Römertums  wie  des  Griechentums.  Man
sage  sich  vor  allem,  daß  in  der  Äneide  alles  aus  Roms  Vergangenheit,  was
groß  und  ehrwürdig  schien,  eine  Stätte  gefunden  hat.  Und  wieviel  Wege  führen
von  ihm  zur  griechischen  Sage,  zur  griechischen  Kunst,  zur  griechischen  Literatur
  hinüber!  Sodann  bietet  er  einen  Reichtum  gestalteter  Empfindung,  wie
man  ihn  nur  am  Ausgange  des  auf  den  durchlaufenen  Weg  zurückblickenden
Altertums  finden  konnte.  Ist  er  dem  Homer  auch  nicht  ebenbürtig  an  Naivität,
so  hat  er  doch,  wie  Ribbeck  sagt,  einen  weiteren  Blick  als  Homer,  und  seine
Brust  hebt  sich  höher.  Er  fordert  die  Vergleichung  mit  seinem  griechischen
Vorbilde  geradezu  heraus:  Reminiszenzen  und  Parallelstellen  sind  über  seine
ganze  Dichtung  ausgebreitet.  Aber  man  soll  nicht  bloß  fortwährend  tadeinde
Seitenblicke  von  Homer  aus  auf  ihn  werfen.  Erstens  ist  ja  doch  die  Anlage
der  Äneide  viel  kunstvoller,  als  die  der  Ilias  und  selbst  die  der  Odyssee  bei
dem  eigentümlichen  Entstehungsgange  des  Volksepos  sein  konnte.  Sodann  —
und  dies  ist  weit  wichtiger  —  bietet  Vergil  das  Bild  einer  zu  weit  größerem
innerem  Reichtum  entwickelten,  sich  ihres  Wesens  und  ihrer  Ziele  in  weit
höherem  Grade  bewußt  gewordenen  Menschheit.  Eine  echte  moderne  Dichtung
gleicht  einer  mit  Zeichen  aller  Art  angefüllten  Karte,  die  den  Betrachtenden
zunächst  verwirrt,  Homer  aber  einer  solchen,  die,  allerdings  mit  zuverlässiger
Treue,  nur  die  Hauptlinien  des  menschlichen  Innern  gibt  und  stets  das  Verlangen
  nach  einer  reicheren  Ausführung  erweckt.  Vergil  nun  steht  in  einer
glücklichen  Mitte:  er  hat  weder  den  unklaren  und  gärenden  Überreichtum  der
Modernen,  noch  ist  er  von  jener  Einfachheit  Homers,  die  zwar  stets  eine  Offenbarung
  der  Wahrheit  ist,  uns  aber  doch  auf  manche  berechtigte  Frage  die
Antwort  schuldig  bleibt.  Dazu  kommt,  daß  es  kaum  etwas  Wichtiges  in  Roms
mythischer  und  historischer  Vergangenheit,  kaum  etwas  Freundliches  und  Sinnvolles
  in  der  griechischen  Sage  gibt,  was  nicht  an  irgendeiner  Stelle  der  kunst-