Ovid,  Vergil.  285

voll  zusammengefügten  Handlung  der  Äneide  Aufnahme  gefunden  hätte.  Schließlich
  besaß  Vergil  nicht  bloß  Gestaltungskraft  und  Erzählungstalent,  sondern  zugleich
  den  Trieb  zu  den  überschauenden  Höhen,  von  welchen  aus  gesehen  das
Treiben  der  Menschen  erst  anfängt  verständlich  zu  werden.  Seine  Dichtung
gewinnt  so  den  Charakter  einer  Offenbarung.  Dazu  kommt  seine  Neigung,  die
ganze  literarische  Vergangenheit  zusammenzufassen,  was  ihm  die  Schrift  des
Perellius  Faustus  de  furtis  Vergilianis  zugezogen  hat.  Er  gehört  also  zu  denen,
die  Repräsentanten  nicht  nur  ihrer  Zeit,  sondern  einer  langen  Entwicklungsperiode
  der  Menschheit  sind.  Er  ist  nicht  einer  von  vielen.  Scitote,  kann
man  seinen  Verächtern  antworten,  in  hoc  uno  Vergilio  multos  esse  poetas.

Das  erste,  zweite  und  vierte  Buch  der  Äneide  verdienen  an  erster  Stelle
gelesen  zu  werden.  Doch  muß  dem  Schüler  ein  Bild  von  dem  Ganzen  geboten
werden.  Damit  dieses  nicht  eine  zu  blasse  Farbe  trage  und  um  Stützpunkte  für
die  Erinnerung  zu  schaffen,  muß  man  aus  den  nicht  gelesenen  Teilen  einige
Abschnitte  hinzufügen.  Auch  sollte  auf  die  zweite  Hälfte  der  Äneide,  die
römische  Ilias,  nicht  so  ganz  verzichtet  werden.  Der  Zornausbruch  der  Juno
z.  B.  im  siebenten  Buche  ist  von  großartiger  Schönheit.  Und  Nisus  und  Euryalus
  im  neunten  Buche  erobern  sich  doch  gewiß  aller  Herzen.  Ich  nenne  ferner
aus  dem  elften  Buche  die  Episode  von  der  Geburt  und  Erziehung  der  volskischen
  Amazone  Camilla,  die  von  ganz  origineller  Schönheit  ist,  und  aus  demselben
  Buche  die  Erzählung  von  ihrem  Tode.  Ferner  sei  auf  das  zehnte  Buch
verwiesen,  auf  den  Tod  des  Mezentius  und  seines  Sohnes  Lausus,  wie  auf  den
Tod  des  arkadischen  Königssohns  Pallas.  Wer  in  der  Äneide  nur  einen  Widerschein
  der  homerischen  Dichtung  erblickt  und  deshalb  meint,  auf  Vergil  sei  zu
verzichten,  weil  ja  doch  die  bessere  Originaldichtung  im  Gymnasium  gelesen
werde,  befindet  sich  im  Irrtum:  wiewohl  dem  Boden  der  homerischen  Dichtung
entsprossen,  stellt  die  Äneide  doch  einen  neuen  literarischen  Typus  dar.  Ihr
Wert  und  ihre  Schönheit  offenbart  sich  übrigens  auch  darin,  daß  sie  nicht
schnell  sättigt,  sondern  bei  näherer  Vertrautheit  gewinnt.  Ist  sie  doch  nicht
bloß  ein  Gesamtbild  der  römischen  Vergangenheit,  sondern,  wie  jede  echte
Dichtung  großen  Stils,  zugleich  ein  Gesamtbild  menschlichen  Strebens  und  Lebens
überhaupt,  in  welchem  man  bei  längerer  Betrachtung  immer  neue  Entdeckungen
macht.  Was  die  anderen  Dichtungen  Vergils  betrifft,  so  darf  die  Schule  auf  die
Bucolica  verzichten.  Die  Georgica  aber  enthalten  in  allen  vier  Büchern  wundervolle
  Episoden.  Schale  nur,  daß  keine  Zeit  dafür  übrig  ist.  In  erster  Linie  wäre
aus  dem  vierten  Buche  das  Epyllion  zu  empfehlen,  welches  den  Gang  des  Orpheus
in  die  Unterwelt  und  seinen  Tod  unter  den  Händen  der  Mänaden  erzählt.

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