286  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

11.  Horaz  ist  bis  jetzt  der  beliebteste  und  wirkungskräftigste  aller  Schriftsteller
  gewesen.  Ob  er  es  immer  bleiben  wird?  Vielleicht  unterliegt  auch  er
schließlich  der  gehässigen  Beurteilung  der  lateinischen  Rasse  und  Literatur,  die
in  Deutschland  herrschend  geworden  ist.  Es  scheint  wirklich,  als  ob  viele  die
maßlose  Verachtung  alles  Römischen  gewissermaßen  als  Schwungbrett  nötig
haben,  um  sich  zu  einem  begeisterten  Anschauen  der  Griechen  emporzuschnellen.
Manche  Anzeichen  deuten  darauf  hin,  daß  auch  Horaz  für  das  Zuviel  seines
früheren  Ruhmes  bald  wird  büßen  müssen.  Am  seltsamsten  ist  es,  wenn  man
von  ihm  wie  von  einem  matten  Abbilde  der  griechischen  Dichter  reden  hört.
Er  besitzt  im  Gegenteil  eine  klar  ausgeprägte  Originalität,  und  wenn  er  die
Griechen  sich  zunutze  gemacht  hat,  so  beweist  das  nur,  daß  er  ohne  Originalitätssucht
  war.  Er  ist  Römer  und  Grieche  zugleich,  ein  Kind  seiner  Zeit  und  zugleich
  ein  geschickter  und  sehr  anregender  Dolmetscher  des  antiken  Denkens
und  Empfindens  überhaupt.  Wenn  er  seinen  griechischen  Vorbildern  manche
Bilder  und  poetische  Motive  entlehnt,  so  soll  man  darin  nicht  ein  Armutszeugnis
erblicken:  es  sind  vielmehr  eigentlich  Huldigungsgrüße,  die  er  den  Manen  verwandter
  Dichter  zusendet.  Gehört  er  auch  nicht  zu  den  wirklich  großen
Dichtern,  die  wie  Sonnen  am  Himmel  der  Literatur  glänzen,  so  ist  er  doch
auch  kein  bloßer  literarischer  Nachahmer,  der  sich  immer  nur  an  fremdem
Feuer  wärmt  und  nichts  als  ein  Mosaik  zusammengesuchter  Stellen  aus  den
Werken  anderer  bietet.  Denen  aber,  die  seinen  Natursinn  bemäkeln  und  ihm
Unkenntnis  auf  diesem  Gebiete  nachweisen,  ist  mit  Lessing  zu  antworten,  daß
man  einen  Dichter  nicht  liest,  um  Botanik  zu  lernen.  Gefährlich  aber  fängt
ihm  vor  allem  an  zu  werden,  daß  er  den  heute  herrschenden  Ansichten  über
die  Ziele  des  Lebens  Widersprechendes  lehrt.  Er  stachelt  nicht  an  zum  Wetten
und  Wagen,  zur  emsigen  Weiterbildung  des  von  den  Vätern  Ererbten.  Die
Hast,  mit  der  er  die  meisten  nach  Gütern  jagen  sieht,  die  uns  weder  besser
noch  glücklicher  machen,  ist  ihm  das  Symptom  eines  kranken  und  ungeklärten
Innern.  Die  holden  Güter  dieses  Lebens  verschmäht  er  nicht,  doch  soll  man
sie  mit  Maß  genießen.  Nicht  sich  mit  Überflüssigem  zu  beladen,  soll  das  Ziel
des  menschlichen  Lebens  sein,  sondern  sich  für  das  Glück  wie  für  das  Unglück,
für  das  Leben  und  Genießen  wie  für  das  Sterben  reif  zu  machen.  Er  bietet  eine
vielseitige  und  doch  einheitliche  Lebensphilosophie  in  Versen,  die  meist  auf  einen
überraschend  glücklichen  Ausdruck  gebracht  und  von  sprechender  Klarheit  und
poetischer  Anschaulichkeit  ist.  Dabei  ist  er  ohne  lehrhafte  Aufdringlichkeit,  wirklich
  zugleich  ein  Dichter  und  ein  Philosoph,  menschlich  wahr  und  ohne  Gespreiztheit,
  und  die  griechische  Literatur  hat  ihm  in  dieser  Hinsicht  nichts  Ebenbürtiges
  an  die  Seite  zu  setzen.  Horazische  Sprüche  lebten  auch  früher  in
aller  Munde.  Seit  einiger  Zeit  werden  Stimmen  laut,  daB  das  alles  im  Grunde
recht  trivisle  Gedanken  seien  und  noch  dazu  gefährliche  Gedanken,  die  von  den
wahren  Zielen  des  Lebens  ablenkten.  Was  den  Vorwurf  der  Trivialität  betrifft,
so  würde  dieser  zugleich  die  Spruchweisheit  aller  großen  Dichter  treffen,  die  ja
sämtlich  abnormes  sapientes  und  um  schulmäßige  Einkleidungen  wenig  bekümmert
  sind.  Was  Philosophen  ergrübelt  hatten,  ist  früher  oder  später  immer