Horaz.  287

von  Dichtern  im  besten  Sinne  popularisiert,  d.  h.  in  eine  menschliche  und  eindringliche
  Sprache  übersetzt  worden.  Gefährlich  aber  findet  man  in  unserer
Zeit  Horaz’  Gedanken,  weil  sie  die  Entsagung  predigen  und  den  Tätigkeitsdrang
zu  dämpfen  suchen.  Eine  so  greisenhafte  Weisheit  scheint  für  die  Jugend
keine  gesunde  Kost  zu  sein.  Aber  Horaz  ist  kein  Dekadenter.  Zum  besinnungslosen
  Hinstürmen  ist  der  Mensch,  zumal  in  der  Jugend,  nur  zu  sehr  geneigt.
Wer  ihn  mit  sich  in  Harmonie  zu  bringen  und  beschaulich  zu  machen  sucht,
verhilft  ihm  doch  zur  Erfüllung  seiner  wahren  Natur.  Denn  nicht  bloß  vita
sine  litteris,  wie  Seneca  sagt,  sondern  auch  vita  sine  meditatione  mors  est  et
hominis  vivi  sepultura..  Auf  diesem  Wege  gewinnt  ja  doch  die  Menschheit  so
vieles,  was  in  erster  Isinie  wichtig  ist,  daB  es  wirklich  nicht  schaden  würde,
wenn  es  selbst  deshalb  mit  der  Verbreiterung  der  äußeren  Kultur  in  etwas  langsamerem
  Tempo  vorwärts  gehen  sollte.  Neulich  hat  sogar  einer  gefunden,  daß
Horaz’  Philosophie  eine  bloße  Junggesellenphilosophie  ist,  weil  ein  Familienvater,
der  für  die  Ausstattung  von  Töchtern  und  das  Fortkommen  von  Söhnen  zu
sorgen  hat,  den  Wert  des  Geldes  unmöglich  so  gering  anschlagen  könne,  wie
dieser  laudator  paupertatis.  Andere  verargen  es  ihm,  daß  er  mit  so  schnöder
Hast  sein  Römerideal  der  Freiheit  aufgegeben  und  sich  so  gründlich  mit
Augustus  ausgesöhnt  hat.  Am  weitesten  vom  Richtigen  entfernt  aber  sind
immerhin  die,  welche  seine  Lebensauffassung  harmlos  nennen  und  ihrer  von
ihrem  Standpunkte  des  praktischen  und  politischen  Tätigkeitsdranges  spotten  zu
können  glauben.  Er  liebt  allerdings  nicht  den,  „der  Unmögliches  begehrt“.
Und  doch  leuchtet  auch  ihm  ein  idealer  Stern.  Das  eben  hebt  ihn  über  den
Standpunkt  der  harmonischen  Plattheit  hinaus.  Und  darf  sein  Ideal  der  individuellen
  Selbstkultur  als  ein  egoistisches,  philisterhaftes,  unmännlich  schöngeistiges
  gelten?  Was  er  sagt,  scheint  alles  so  klar  und  steigt  doch  aus  so
tiefen  Wurzeln  enıpor.  Um  ihn  recht  zu  verstehen,  muß  man  sich  ganz  mit
den  verschiedenen  Lebensauffassungen  der  Alten  vertraut  machen.  So  ziemlich
alles  Substanzielle  und  für  die  menschliche  Bildung  Bedeutungsvolle  aus  der
alten  Kultur  findet  sich  bei  ihm  in  lebensvollen  Verkörperungen  beisammen,
und  selbst  unter  den  Griechen  wird  sich  kein  Schriftsteller  finden  lassen,  der
ihm  an  vielseitiger  Ergiebigkeit  für  das  Bildungsziel  der  Gymnasiums  gleichkäme.
  Dabei  ist  er  trotz  seines  Meditierens  ein  naiver  Schriftsteller  und  als
solcher  recht  dazu  geeignet,  in  einer  ältlichen  Zeit  im  höheren  Unterricht  mit
einer  ersten  Rolle  betraut  zu  werden.  Ein  Feind  alles  Affektierten  und  Überspannten
  und  voll  liebender  Wertschätzung  für  das  allen  Zugängliche,  hat  er
sich  bisher  durch  seine  gute  Laune  wie  durch  seine  menschliche  Wahrheit  die
Herzen  der  Schüler  leicht  erobert,  und  ihre  Erinnerung  pflegt  ihm  lange  über
die  Schulzeit  hinaus  treu  zu  bleiben.

Folgendes,  denke  ich,  müssen  die  leitenden  Gedanken  bei  der  Erklärung
des  Horaz  sein.  Die  Interpretation  muß  zum  Ganzen  streben  und  in  Horaz  einen
bedeutungsvollen  Repräsentanten  nicht  bloß  seiner  Zeit,  sondern  des  Altertums
überhaupt  kennen  lehren.  Wie  man  also  auch  seine  Auswahl  treffen  mag,  unter
allen  Umständen  wird  auch  aus  seinen  Satiren  und  Episteln  eine  Anzahl  her-