288  WeıssenreLs:  Das  Lateinische.

vorragend  bezeichnender  Stellen  behandelt  werden.  müssen,  die  gewissermaßen
den  Schlüssel  zu  seinem  Wesen  enthalten.  Am  Schlusse  meiner  Loci  disputationis
  Horatianse  habe  ich  eine  in  diesem  Sinne  geordnete  Zusammenstellung
geboten.  Durch  diese  Stellen  würde,  wenn  man  sie  durch  die  Interpretation
recht  auszunutzen  wüßte,  das  Stückwerk  des  in  zwei  Jahren  Gelesenen  zum
Ganzen  erweitert  werden  können.

Es  ist  kein  hinlänglich  hohes  Ziel  der  Horazerklärung,  diesen  Dichter  als
Kind  seiner  Zeit,  als  Verherrlicher  der  Taten  und  Wohltaten  des  Augustus,
der  Siege  des  Drusus  und  Tiberius  zu  zeigen.  Man  soll  in  ihm  den  interpres
naturae  humanae  überhaupt  würdigen.  Auch  für  die  Kenntnis  Roms  am  Ausgange
  der  Republik  wird  man  ihn  fruchtbar  machen  können;  darüber  hinaus
aber  soll  die  Erklärung  dem  zustreben,  was  er  für  alle  Zeiten  Bedeutungsvolles
gesagt  hat.  Schwerer  als  die  politischen  Elemente  seiner  Poesie  wiegen  für
das  Ziel  des  Gymnasiums  die  religiösen.  Geschickt  erklärt,  sagen  sie  viel  Wichtiges
  über  das  Wesen  der  alten  Religiosität.  Aus  den  erotischen  Gedichten
sind  einige  auszuscheiden.  Im  ganzen  aber  sind  sie  mit  ihrer  ehrlichen  Sinnlichkeit
  weniger  gefährlich  als  die  sinnlich-geistige  Gefühlsmystik  der  modernen
Dichter.  Auch  von  diesen  Gedichten  gilt,  abgesehen  von  einigen  wenigen  Stellen,
daß  sie  das  wahre  Altertum  widerspiegeln,  nicht  bloß  die  Verderbnis  einer  gesunkenen
  Zeit.  Auf  die  Epoden  wird  die  Schule  verzichten.  Ihr  archilochischer
Zorn  hat  etwas  Karikiertes..  Das  zweite  und  fünfzehnte  Gedicht  jedoch  gehören
  in  den  engsten  Kreis  des  Lesenswerten  aus  Horaz.  —  Horaz  besaß  die
Kunst,  viel  von  sich  zu  reden,  ohne  zu  mißfallen.  Was  er  von  sich  selbst  erzählt,
  ist  so  ziemlich  alles  für  das  Erfassen  seines  geistigen  Bildes  von  Bedeutung,
  genügt  aber  auch  zum  Verständnis  seiner  Werke.  Er  spricht  von
seinem  Vater,  von  seiner  Jugend  in  Venusisa  und  Rom,  von  seinem  Aufenthalt
in  Athen,  von  dem  bei  Philippi  „schimpflich  weggeworfenen  Schilde“.  Die
paupertas  audax  wurde  dann  sein  inspirierender  Genius.  Seine  Freundschaft
mit  Mäcenas.  Charakterbild  des  Mäcenas.  Horaz’  Stellung  zu  August  und  sein
Urteil  über  Augustus.

Zu  den  Hauptaufgaben  der  Horazinterpretation  gehört  es,  von  der  sittlichen
wie  geistigen  Individualität  des  Horaz  ein  klares  Bild  gewinnen  und  in  ihm
den  Typus  des  nachdenklichen,  mit  Hilfe  der  Philosophie  sein  Leben  gestaltenden
  antiken  Menschen  erblicken  zu  lassen.  Seine  Liebe  zur  Freiheit,  auch
nachdem  ihm  die  politische  Freiheit  gleichgültig  geworden  war.  Seine  Gedanken
  über  Besitz  und  Reichtum.  Seine  natürliche,  durch  Philosophie  temperierte,
  früh  der  Beschaulichkeit  weichende  Sinnlichkeit.  Sein  Ideal  antiker
Genußfreudigkeit  und  weltlicher  Seligkeit.  Mit  heiterer  Selbstironie  schreibt  er
sich  allerdings  oft  allgemein  menschliche  Torheiten  zu,  von  welchen  er  gerade
offenbar  frei  war.  Wie  er  mit  seinen  Freunden  verkehrte  Seine  Liebe  zur
Einsamkeit.  Er  schrieb  nur  ungern  einem  anderen  Impulse  als  dem  der  eigenen
Natur  gehorchend.  Seine  bald  stolz,  bald  über  die  Maßen  bescheidenen  Urteile
über  seine  eigenen  Leistungen  als  Dichter.

Man  kann  weder  die  Sermonen  noch  auch  nur  die  Oden  des  Horaz  inter-