Horaz.  289

pretieren,  ohne  die  Hauptgedanken  der  antiken  Moralphilosophie  zu  behandeln.
  Sein  Eklektizismus.  Was  Horaz  mit  Aristipp  gemein  hat  und  was
ihn  von  Aristipp  unterscheidet.  Seine  Bekämpfung  der  Kyniker.  Der  Begriff
des  naturgemäßen  Lebens.  Die  doctrina  altius  exaggerata  der  Stoiker  bekämpft
er,  erkennt  aber  ihren  Kern  als  richtig  an  und  hat  in  den  Oden  viel  Stoice
dicta.  Seine  Stellung  zu  Epikur,  dessen  Namen  er  kaum  ausspricht,  ist  schwer
zu  definieren:  er  bekennt  sich  zu  dem  Epikurischen  Ideal  der  Gemütsruhe,  nicht
aber  zur  asketischen  Glückstheorie  des  wahren  Epikur,  den  er  aus  dem  Lehrgedichte
  des  Lucrez  kennen  gelernt  hatte.  Den  Aristotelischen  Satz  von  der
Tugend  als  einem  Mittleren  zwischen  zwei  fehlerhaften  Extremen  adoptiert  er,
doch  verlangt  er  eine  mehr  der  stoischen  Strenge  ähnelnde  Gestaltung  des
Lebens.  Horaz’  Gedanken  über  die  Güter  der  Fortuna.  Die  aurea  mediocritas.
Die  aequa  mens.  Gleichgültig  gegen  die  Scheingüter  eines  raffinierten  Kulturzustandes,
  besitzt  er  doch  eine  innige  Empfindung  für  die  täglichen  großen
Wohltaten  der  Natur.  Sein  Naturgefühl  und  seine  Schwärmerei  für  das  Landleben.
  Seine  häufigen  Aufforderungen,  des  Todes  eingedenk  zu  sein  und  die
Gegenwart  zu  genießen.

Aber  auch  in  literarhistorischer  und  ästhetischer  Hinsicht  muß  Horaz  für
die  Schule  fruchtbar  gemacht  werden.  Er  bietet  für  die  Schule  den  großen
Vorteil,  daß  er  bei  aller  Originalität  zugleich  viel  Resümierendes  hat.  Viel
Wege  weisen  von  ihm  nach  Griechenland  hinüber,  besonders  nach  der  älteren
griechischen  Literatur,  aus  der  man  der  Horazerklärung  charakteristische  Proben
wird  einfügen  müssen.  Ebenso  weist  Horaz  in  den  Sermonen  nach  der  älteren
römischen  Literatur  hinüber.  Sein  Urteil  über  die  älteren  Dichter  im  allgemeinen,
über  Plautus  und  Lucilius  im  besonderen.  Die  Fessel  einer  noch  nicht  gebildeten
  Sprache  scheint  ihm  freilich  nicht  schwer  genug.  Die  Horazische
Satire,  ihrem  Inhalte  wie  ihrer  Form  nach.  Sie  ist  der  Hauptsache  nach  ein
Spiegel  der  in  allen  Zeiten  wiederkehrenden  menschlichen  Torheiten.  Seine
lässige,  dem  doktrinären  Ernste  abgeneigte  Behandlungsart.  Die  Mannigfaltigkeit
  der  in  den  Sermonen  angeschlagenen  Töne,  ihre  Urbanität  und  künstliche
Nachlässigkeit.  Horaz  bietet  zugleich  einen  Kursus  der  ästhetischen  Propädeutik.
  Genie  und  Regel.  Das  Wesen  und  die  Aufgabe  der  Poesie  nach  Horaz.
Er  scheint  den  lernbaren  Teil  der  Kunst  zu  überschätzen.  Was  er  unter  doctus
imitator,  unter  exemplar  vitae  morumque  versteht.  Zweck  der  Poesie  nach
Horaz.

Vor  allem  ist  davor  zu  warnen,  die  Horazlektüre  auf  der  Schule  durch
eine  weitgehende  Berücksichtigung  der  spezialwissenschaftlichen  Lieblingsprobleme
um  ihren  Ertrag  zu  bringen.  Die  personae  Horatianae  kommen  für  die  Schule
nur  in  ganz  kleinem  Umkreise  in  Betracht.  Die  Untersuchungen  über  die  Abfassungszeit
  seiner  Gedichte  gehen  die  Schule  kaum  etwas  an.  Den  kunstvoll
nachlässigen  Bau  seiner  Hexameter  würdigen  zu  lehren,  ist  von  kapifaler  Wichtigkeit,
  doch  verliere  man  sich  nicht  an  eine  statistische  Behandlung  des
Metrischen  und  Prosodischen.  Das  Textkritische  hingegen  ist  von  der  Schulinterpretation
  nicht  unbedingt  auszuschließen.  Es  gibt  Stellen  bei  Horaz,  wo

Handbuch  für  Lehrer  böherer  Schulen.  19