290  Weissenreis:  Das  Lateinische.

man,  um  zum  wahren  Sinne  des  Dichters  zu  gelangen,  derartige  Erörterungen
nicht  wird  umgehen  können.  Doch  sind  ihrer  nicht  viele.  Auch  soll  man
dabei  kurz  sein  und  menschlich  reden  und  nicht  eine  Miene  aufstecken,  als
solle  nunmehr  der  Vorhang  vor  dem  Allerheiligsten  weggezogen  werden.

Aly,  F.,  Horaz,  sein  Leben  und  seine  Werke.  Gütersloh.  —  Detto,  W.  A,.,
Horaz  und  seine  Zeit.  Weidmann.  —  Weißenfels,  O.,  Horaz,  seine  Bedeutung  für
das  Unterrichtsziel  des  Gymnasiums  und  die  Prinzipien  seiner  Schulerklärung.  Weidmann.
  —  Rosenberg,  E.,  Die  Lyrik  des  Horaz.  Perthes.  —  Altenburg,  O.,
Winke  zur  Schulauslegung  des  Horaz.  Wohlau  1893,  1894  und  L.L.  36.  —
Heußner,  F.,  Eine  Horazstunde  in  Prima.  G.  3,  727  u.  759.  —  Köpke,  R,  Die
lyrischen  Versmaße  des  Horaz.  Weidmann.-  —  Weißenfels,  O.,  Loci  disputationis
Horatianae  Weidmann.  —  Kettner,  G.,  Die  Episteln  des  Horaz.  Weidmann.  —
Weißenfels,  O.,  Ästhetisch-kritische  Analyse  der  Epistula  ad  Pisones.  Görlitz.  —
Gemoll,  W.,  Die  Realien  bei  Horaz.  Weidmann.  —  Vollbrecht,  W.,  Das  Säkularfest
  des  Augustus.  —  Mäcenas.  Gütersloh.  —  Kubik,  J.,  Realerklärung  und  Anschauungsunterricht
  bei  der  Lektüre  des  Horaz.  Wien,  Hölder.

12.  Außer  den  eben  besprochenen  Autoren  sind  in  Sachsen,  Baden,  Bayern
und  Württemberg  noch  einige  andere  zugelassen,  die  übrigens  auch  hier  und
da  in  Preußen  gelesen  worden  sind.  So  z.  B.  die  römischen  Elegiker,  natürlich
in  vorsichtiger  Auswahl.  Über  Ovids  Elegien  ist  schon  oben  gesprochen.  Nächst
diesem  würde  Tibull  in  Betracht  zu  ziehen  sein,  so  z.  B.  die  Elegie  über  die
Genügsamkeit  des  Landmannes  (I,  1),  die  des  in  der  Fremde  erkrankten  Dichters
(L  3),  die  Verwünschung  des  Kriegs  und  der  Preis  des  Friedens  (I,  10).  Es
bedarf  auch  hier  einer  Chrestomathie.  In  diese  würde  auch  manches  aus  den
leichten  Liedern  Catulls  aufgenommen  werden  können.  Auch  Plautus  und
Terenz  werden  mancherorten  gelesen,  von  dem  ersten  die  Aulularia  und  die
Captivi,  von  dem  zweiten  die  Adelphi.  Ferner  wird  in  dem  bayrischen  Lehrplane
  das  früher  viel  gelesene  zehnte  Buch  Quintilians  empfohlen,  eine  sehr
geeignete  Lektüre  für  die  oberste  Stufe,  welche  für  die  rhetorischen  Schriften
Ciceros  passende  Ergänzungen  bietet.  In  Frankreich  werden  außerdem  Abschnitte
  aus  dem  Lehrgedicht  des  Lucrez,  ausgewählte  Briefe  des  jüngeren
Plinius  und  des  Seneca  und  Abschnitte  aus  den  ‘anderen  Schriften  Senecas  gelesen.
  Nur  durch  Beschränkung  der  kriegsgeschichtlichen  Lektüre  würden  wir
für  diese  höchst  bildungskräftigen  Sachen  Zeit  gewinnen  können.  Von  Seneca
wäre  namentlich  auch  die  Consolatio  ad  Helviam  zu  empfehlen,  die  man  das
Vademekum  aller  Unglücklichen  genannt  hat,  und  die  Schrift  De  clementia  ad
Neronem.  Zum  Schluß  sei  erwähnt,  daß  vor  kurzem  von  W.  Jung  in  der
Monatsschrift  f.  höhere  Schulen  „Empfiehlt  sich  vom  Standpunkte  der  gymnasialen
  Praxis  eine  Chrestomathie  der  lateinischen  Literatur“  (II,  S.  522—533)
einer  ungebeuerlichen  Ausdehnung  der  lateinischen  Lektüre  im  Sinne  des  von
Wilamowitz  für  das  Griechische  entworfenen  Planes  das  Wort  geredet  worden  ist.

13.  Viel  Gewicht  wurde  früher  auf  die  Privatlektüre  gelegt  und  zwar
nicht  bloß  in  den  berühmten  Internaten,  wo  man  fern  vom  Geräusche  der  Welt
vorwiegend  dem  Lateinischen  und  Griechischen  lebte.  Wer  dort  sich  an  dem,