292  Weıssenreis:  Das  Griechische.

DAS  GRIECHISCHE.

Von  OSKAR  WEISSENFELS.

I.  DIE  REGELUNG  UND  DIE  ZIELE  DES  GRIECHISCHEN  UNTERRICHTS.

1.  Die  Wandlungen  des  Unterrichtsziels  im  Griechischen.  Von
einem  Unterrichte  im  Griechischen  ist  bis  zur  Zeit  des  Humanismus  im  15.  und
16.  Jahrhundert  nicht  die  Rede.  Wieviel  einzelne  und  einzelne  Genossenschaften
über  eine  ganz  elementare  Kenntnis  der  Sprache  hinausdrangen,  läßt  sich  nicht
mit  Sicherheit  feststellen.  Das  humanistische,  auf  dem  Griechentum  basierende
Bildungsideal  war,  wie  bekannt,  in  Italien  entsprossen.  In  Deutschland  aber
erst  wurde  die  klassische  Bildung  zum  Ziel  des  höheren  Jugendunterrichts  gemacht.
  Freilich  sehr  allmählich.  Reuchlin,  Erasmus,  Melanchthon  sind  die
Begründer  des  griechischen  Unterrichts  in  Deutschland.  Das  Sprachliche  wurde
nach  unseren  heutigen  Begriffen  sehr  oberflächlich  getrieben,  die  Lektüre  aber
erstreckte  sich  über  einen  weiteren  Kreis  griechischer  Schriften  als  heute,  wenn
sie  auch  von  dem  heute  gesteckten  Ziele  der  methodischen  Verarbeitung  weit
entfernt  war.  Im  17.  und  18.  Jahrhundert  hingegen  ging  der  griechische  Unterricht
  nur  selten  über  die  Beschäftigung  mit  dem  Neuen  Testament  hinaus.  Im
letzten  Viertel  des  18.  Jahrhunderts  jedoch  trat  ein  gewaltiger  Aufschwung  ein.
Die  Werke  des  griechischen  Geistes  wurden  als  unvergleichliche  Bildungsmittel
erkannt,  und  die  erstarkende,  aber  nach  Anlehnungen  verlangende  Literatur  in
Deutschland  wandte  sich  von  der  Nachahmung  der  Franzosen  der  der  Griechen
zu.  Man  denke  an  Gesner,  Winckelmann,  Heyne,  Ernesti,  Gedike,  Fr.  A.  Wolf,
G.  Hermann.  „Die  Frucht  der  klassischen  Studien“,  schreibt  Wolf,  „ist  rein
menschliche  Bildung  und  Erhöhung  aller  Geistes-  und  Gemütskräfte  zu  einer
Harmonie  des  inneren  und  äußeren  Menschen.“  Dazu  kam  die  eindrucksvolle
Empfehlung  des  Griechentums  durch  die  Stimmführer  unserer  Literatur,  die
über  die  Ziele  der  nüchternen  Gelehrsamkeit  weit  hinausstürmten  und  einen
wahren  Taumel  der  Begeisterung  erregten.  Gleichwohl  dachte  man  nicht  daran,
die  Kenntnis  des  Griechischen  für  alle,  die  zur  Universität  wollten  oder  einer
höheren  Stellung  im  Staate  zustrebten,  obligatorisch  zu  machen.  Die  weite
Ausdehnung  des  Griechischlernens,  die  feste  Regelung  und  strenge  Kontrollierung
des  Unterrichts,  die  Pflege  der  pädagogischen  Theorie  haben  dann  im  19.  Jahrhundert
  tiefgehende  Änderungen  vor  allem  in  diesem  Unterrichtszweige  zur
Folge  gehabt.  Auf  Verschärfung  der  Anforderungen  hinsichtlich  des  Griechischen
hat  besonders  W.  v.  Humboldt  hingewirkt.  Klar  präzisierte  Forderungen  hin-