Die  Wandlungen  des  Unterrichteziels  im  Griechischen.  293

sichtlich  der  Zielleistung  werden  zuerst  in  dem  Prüfungsreglement  vom  Jahre
1812  aufgestellt.  Der  Gymnasiallehrplan  vom  Jahre  1816  verlangt  bei  der
Abiturientenprüfung  auch  eine  Übersetzung  aus  dem  Deutschen  ins  Griechische.
Nun  flammte  der  Lehreifer  hoch  auf,  und  ministerielle  Erlasse  warnten  bald
vor  Übertreibungen.  Im  Vergleich  zu  heute  herrschte  viel  Freiheit  und  Mannigfaltigkeit
  im  Unterrichtsbetriebe.e  An  einzelnen  Anstalten  wurden  die  Forderungen
  im  Griechischen  zu  einer  Höhe  gesteigert,  über  die  wir  heute  staunen
müssen.  Eine  kräftige  Anregung  zum  Nachdenken  über  die  Methode  und  die
Ziele  des  griechischen  Unterrichts  wurde  zuerst  durch  Herbart  gegeben,  der
von  1809  bis  1833  in  Königsberg,  von  1833  bis  1841  in  Göttingen  ein  pädagogisches
  Seminar  leitete.  Seine  Lehre  vom  erziehenden  Unterrichte  hat  in  der
Folge  eine  überreiche  pädagogische  Literatur  hervorsprießen  lassen.  Auch  sind
seit  Herbart  die  Lehrer  der  alten  Sprachen  im  allgemeinen  bemüht,  sich  eine
von  der  auf  den  Universitäten  geübten  verschiedene  Lehrart  zu  schaffen.  Gleichwohl
  ist  man  bis  auf  den  heutigen  Tag  selbst  in  den  Hauptpunkten  der  Methodik
  noch  nicht  einig,  und  sogar  über  das  letzte  Ziel  des  griechischen  Unterrichts
  stehen  sich  entgegengesetzte  Ansichten  unversöhnt  gegenüber.  Es  ist
nicht  mehr  zeitgemäß,  in  zuversichtlichem  Tone  von  der  bildenden  Kraft  des
sprachlichen  Unterrichts  und  von  der  Vortrefflichkeit  des  Griechentums  zu  reden.
Man  will  die  schweren  Ketten  einer  langen  Überlieferung  nicht  mehr  tragen
und  sich  endlich  selbst  angehören  dürfen.  Alles  drängt  zur  Krisis.  Die  Möglichkeit
  ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  künftige  Generationen,  der  jetzt  bevorzugten
  realen  Bildungsstoffe  überdrüssig,  das  Griechentum  als  den  Urquell
auch  des  modernen  Geisteslebens  wieder  mit  der  Seele  suchen  werden.
Besonders  schwer  hielt  es,  hinsichtlich  der  Übersetzung  ins  Griechische
einen  festen  Standpunkt  zu  gewinnen.  1834  wurde  sie  in  Preußen  für  die
Abiturientenprüfung  abgeschafft.  Aber  des  Klagens  über  Unsicherheit  in  der
Grammatik  war  bald  kein  Ende.  So  wurde  sie  denn  1856  als  Abiturientenarbeit
  wieder  eingeführt.  Noch  mehr  Gewicht  als  in  Preußen  legte  man  in
Württemberg  und  Bayern  auf  diese  Übungen.  Leider  gab  es  viele  Lehrer,  die
das  eine  nicht  tun  konnten,  ohne  das  andere  zu  lassen:  die  Lektüre  wurde
mancherorten  vernachlässigt  und  das  Extemporale  zum  alleinigen  Maßstab  bei
der  Beurteilung  der  Leistungen  gemacht,  während  die  an  Herbart  sich  anschließenden
  Pädagogen  Neigung  hatten,  das  Erlernen  der  fremden  Sprachen
als  ein  leider  nicht  zu  entbehrendes  Mittel  zu  betrachten,  um  zu  dem  Inhalt
des  in  diesen  Sprachen  Niedergelegten  zu  gelangen,  und  mit  einer  alliebenden
Sachfreundlichkeit  meist  eine  schroffe  Sprachfeindlichkeit  verbanden.  Die  Grammatik
  sollte  an  dem  ganzen  unerquicklichen  Zustande  schuld  sein:  dieser,  der
Mutter  aller  Hindernisse,  einen  möglichst  geringen  Tribut  zu  zahlen,  galt  und
gilt  vielen  noch  als  Hauptpflicht  eines  erleuchteten  Pädagogen.  Dazu  kam,  daß
bei  dem  mehr  und  mehr  sich  spezialisierenden  Lehrbetriebe  der  Universitäten
die  künftigen  Lehrer  nur  selten  dort  bei  ihren  Dozenten  eine  passende  und
ausreichende  Vorbereitung  finden  konnten.  So  wurde  der  altsprachliche  Unterricht
  auf  der  unteren  und  mittleren  Stufe  oft  zu  harmlos,  während  er  auf  der