294  WeıssenreLs:  Das  Griechische.

obersten  Stufe  ebenso  oft  in  den  Fehler  verfiel,  durch  Liebäugeln  mit  kleinen
fachwissenschaftlichen  Problemen,  die  augenblicklich  von  sich  reden  machten,
aber  nur  Äußerliches  betrafen,  sich  gehaltvoller  machen  zu  wollen.  Von  den
„wissenschaftlichen“  Pädagogen  ging  auch  kein  rechtes  Licht  aus:  sie  wurden
langweilig  durch  ihre  Kleinkauerei  und  durch  ein  Übermaß  methodischer  Vorschriften.
  Daneben  fehlte  es  zum  Glück  auch  nicht  an  solchen,  die,  Pelx  uolo«
Ösıvol  Övres  Öidaoxsıv,  in  ihrem  dunklen  Drange  sich  des  rechten  Weges  wohlbewußt
  waren.  Auch  sind  von  Theoretikern,  die  von  der  Herbartischen  Theorie
nichts  wissen  wollten  —  darunter  waren  auch  Vertreter  der  altklassischen  Philologie
  an  den  Universitäten  (Köchly  z.  B.)  —,  gelegentlich  vortreffliche  Dinge
über  die  Ziele  des  altsprachlichen  Unterrichtes  gesagt  worden.

Von  Zeit  zu  Zeit  wurde  der  Vorschlag  gemacht,  den  altklassischen  Unterricht
  mit  dem  Griechischen  statt  mit  dem  Lateinischen  zu  beginnen,  während
andere  das  Griechische  in  seine  frühere  bescheidene  Stellung  zurückgedrängt
sehen,  noch  andere  es  fakultativ  machen  wollten.  1882  wurde  endlich  der  Anfang
  des  Griechischen  in  Preußen  nach  U  III  verlegt,  was  in  Baden  schon  1869,
in  Bayern  1874,  in  Hessen  1877  geschehen  war.  Zugleich  wurde  an  die  Stelle
des  griechischen  Skriptums  als  Abiturientenarbeit  wieder  eine  Übersetzung  ins
Deutsche  eingeführt.  Zu  verschiedenen  Zeiten  ist  die  Forderung  aufgestellt
worden,  daß  der  altsprachliche  Unterricht  statt  mit  dem  Lateinischen  mit  dem
Griechischen  die  Rolle,  vor  allem  auch  hinsichtlich  der  Anfangszeit,  wechseln
müsse,  teils  von  Philologen  (Robert  und  Heinrich  Stephanus,  Ruhnken,  Gesner,
Gedike,  Dissen,  Thiersch,  Fr.  Passow),  teils  von  Pädagogen  und  Philosophen
(Ratichius,  Fichte,  Herbart,  Kern,  Willmann,  E.  v.  Hartmann  u.  a.).  Die  griechische
  Literatur,  sagte  man,  gehe  der  Zeit  nach  vorher,  sei  die  wertvollere,
und  ihren  Originalen,  nicht  den  Nachbildungen  der  Römer  gebühre  der  erste
Platz.  Außerdem  betonte  der  Pädagoge  Herbart,  daß  die  römische  Literatur
der  Odyssee  nichts  in  gleichem  Grade  für  den  Anfang  Geeignetes  an  die  Seite
zu  setzen  habe.  Den  griechischen  Unterricht  mit  der  Odyssee  zu  beginnen,
dieser  von  Ahrens,  dem  Schüler  Herbarts,  in  Hannover  an  einer  Öffentlichen
Anstalt  verwirklichte  Gedanke,  ist  in  letzter  Zeit  wieder  diskutiert  worden  und
hat  namentlich  in  Hornemann  einen  eifrigen  Anwalt  gefunden.  Aber  nicht  bloß
die  in  den  Banden  der  Tradition  Festgeschmiedeten  stehen  ihm  ablehnend  gegenüber.
  Was  mit  wenigen  Schülern  durchführbar  sei,  erwidert  man,  zieme  sich
nicht  für  den  schwerfälligen  Unterrichtsbetrieb  ganzer  Klassen.  Nur  mit  der
einfachen  und  regelmäßigen  attischen  Sprache  glaubt  man  für  den  griechischen
Unterricht  eine  sichere  Grundlage  gewinnen  zu  können.  Denen  aber,  die  den
altsprachlichen  Unterricht  mit  dem  Griechischen  statt  mit  dem  Lateinischen  anfangen
  wollen,  erwidert  man,  daß  das  strenge,  von  Schwankungen  und  Willkür
fast  ganz  freie  klassische  Latein  die  beste  Grundlage  für  alle  sprachliche  Bildung
  sei,  daß  es  dem  Anfänger  weniger  Schwierigkeiten  biete  als  das  Griechische,
daß  es  auch  besser  zu  den  modernen  Sprachen  hinüberleite.  Denen  aber,  die
den  Satz  aufstellen,  daß  sich  neben  der  originalen  und  reicheren  griechischen
Literatur  die  römische  mit  einer  zweiten  Stelle  begnügen  müsse,  möchte  zu