Die  Wandlungen  des  Unterrichtsziels  im  Griechischen.  295

antworten  sein,  daB  das  starke,  durch  griechische  Einflüsse  veredelte  Rämertum
  für  werdende  Menschen  ein  besserer  Erzieher  ist  als  das  feinere,  leiser
wirkende  Griechentum.

Durch  das  zur  Zeit  unserer  klassischen  Literaturperiode  mit  einem  etwas
deklamatorischen  und  deshalb  anfechtbaren  Enthusiasmus  gepriesene  Ideal  des
Altertums  als  einer  Schule  des  Idealismus  und  der  Humanität  fühlte  man  sich
in  dem  historisch  und  politisch  gewordenen  Zeitalter  nicht  mehr  befriedigt.
Die  alten  Sprachen  sollten  nunmehr  zum  Zwecke  der  historischen  Bildung  gelernt
  werden  müssen.  Diese  Formulierung  ist  oben  bei  Gelegenheit  des  Lateinischen,
  welches  unter  diesem  neuen  Dogma  mehr  zu  leiden  gehabt  als  das
Griechische,  beleuchtet  worden.  Zuletzt  hat  U.  v.  Wilamowitz-Moellendorff,  den
Begriff  der  historischen  Bildung  beträchtlich  erweiternd,  dem  griechischen  Unterrichte
  ein  neues  Ziel  gesetzt,  das  aber  unklar  und  mit  einer  noch  viel  größeren
inneren  Unmöglichkeit  behaftet  ist  als  das  dem  lateinischen  Unterrichte  durch
die  vorletzten  Lehrpläne  gesteckte.e  Das  Griechische  sei  das  Organ  des  Geistes
einer  ganzen  Weltperiode  gewesen,  und  man  solle  jetzt  auf  den  Schulen  Griechisch
lernen,  um  jene  Weltperiode  zu  verstehen.  Vor  allem  müsse  Alexander  der
Große  dem  Schüler  nahegebracht  werden.  Denn  dieser  sei  der  Begründer  jener
Kultur,  aus  der  das  Christentum  und  die  Organisation  des  Augusteischen  Staates
entstanden  sei.  Die  Jünglinge  zu  Bürgern  des  Staates  zu  erziehen  und  ihre
Seelen  für  das  Reich  Gottes  zu  gewinnen,  das  schwebt  ihm  als  Ziel  vor.  Deshalb
  soll  auch  „Altchristliches“  in  den  griechischen  Stunden  gelesen  werden.
Zur  historischen  Bildung  rechnet  Wilamowitz  aber  auch,  daB  man  dem  Schüler
die  hellenischen  Wurzeln  der  Mathematik,  Mechanik,  Astronomie,  Physik  und
Medizin  aufdecke.  Mit  Zorn  redet  er  gegen  den  Klassizismus,  der  den  griechischen
  Unterricht  an  unseren  Schulen  habe  verkommen  lassen.  Er  will  ihn
durch  den  Hellenismus  ersetzt  wissen.  Bis  jetzt  hat  sich  das  Gymnasium  gesträubt,
  dieser  Richtung  zu  folgen.  Sehr  beherzigenswert  jedoch  für  unsere  an
Mangel  an  Philosophie  krankenden  höheren  Schulen  ist  Wilamowitz’  Empfehlung
moralphilosophischer  und  politischer  Abschnitte  aus  Aristoteles,  Epiktet  und
Marcus  Antoninus.  Für  die  Auswahl  der  altsprachlichen  Lektüre  und  für  die
Methode  des  altsprachlichen  Unterrichts  hängt  alles  ab  von  dem  Ziele,  welches
man  der  Beschäftigung  mit  den  alten  Sprachen  setzt.  Jenes  Hinundherwogen
der  Meinungen  ist  also  kein  unfruchtbares  Gerede.  Der  falsch  gefaßte  Begriff
der  historischen  Bildung  z.  B.  führt  zu  einer  Bevorzugung  der  kriegsgeschichtlichen
  und  historisch-politischen  Lektüre,  die  eine  Vernachlässigung  des  Gehaltvolleren
  zur  Folge  haben  muß.  Das  Streben,  dem  Altertum  lebendige  Anschaulichkeit
  zu  verschaffen,  anderseits  verführt,  wenn  es  sich  nicht  einem  höheren
Ziele  dienstbar  macht,  zu  einem  zerstreuenden  und  an  der  Oberfläche  des  antiken
  Lebens  festhaltenden  Kultus  der  Realien.  Um  das  Altertum,  wie  billig,
für  das  Verständnis  der  Gegenwart  fruchtbar  zu  machen,  verfällt,  wer  im  Erkennen
  des  Substanziellen  nicht  geübt  ist,  leicht  darauf,  allerhand  kuriose  Anfänge,
  die  Technik,  die  exakten  Wissenschaften,  die  Gestaltung  des  äußeren
Lebens  betreffend,  in  die  Schule  einführen  zu  wollen.  Nach  dieser  Seite  ge-