Die  sprachliche  Seite  des  griechischen  Unterrichtes.  297

werden  jetzt  wieder  griechische  Extemporalien  geschrieben,  und  je  nach  Bedürfnis
  werden  grammatische  Wiederholungen  und  Zusammenfassungen  auch  für
die  oberste  Stufe  vorgeschrieben.  Im  Vergleich  zu  früher  aber  muß  das  grammatische
  Pensum  jetzt,  wo  der  griechische  Unterricht  erst  in  Untertertia  beginnt,
  schneller  absolviert  werden.  Die  Lehrpläne  der  deutschen  Staaten  dringen
deshalb,  zum  Teil  mit  denselben  Worten,  auf  Vereinfachung  des  sprachlichen
Unterrichts  im  Griechischen.  Belanglose  Einzelheiten,  namentlich  unnütze  Formalien,
  sollen  aus  dem  Lehrstoff  beseitigt,  alles,  was  im  Lateinischen  bereits
vorweggenommen  ist,  kurz  erledigt,  das  griechische  Lehrbuch  in  seinem  syntaktischen
  Aufbau  mit  der  gebrauchten  lateinischen  Grammatik  in  Übereinstimmung
  gebracht  werden.  Auf  die  Accentlehre  ganz  zu  verzichten,  hat  man
sich  nicht  entschließen  können;  aber  es  soll  den  Accentfehlern  bei  der  Beurteilung
der  schriftlichen  Arbeiten  eine  entscheidende  Bedeutung  künftig  nicht  beigelegt
werden.  Wenn  ferner  auch  in  den  letzten  preußischen  Lehrplänen  sich  die
Bemerkung  findet,  auf  der  obersten  Stufe  sollten  die  schriftlichen  griechischen
Übungen  auch  der  Lektüre  dienen,  so  ist  das  wohl  ein  Nachhall  von  den  Konzentrationsbemühungen
  H.  Schillers  und  seiner  Anhänger.  Es  genügt  ja  doch
offenbar,  daß  inhaltlich  die  Extemporalien  gewissermaßen  zur  antiken  Provinz
des  Gedankenkreises  der  Schüler  wesentliche  Beziehungen  haben;  daß  sie  sich
aber  gerade  an  das  zuletzt  Gelesene  anschließen,  ist  weder  nötig,  noch  überhaupt
ohne  Einschränkung  zu  empfehlen.  Bei  dem  jetzigen  schnelleren  Fortschreiten
des  griechischen  Unterrichts  wird  bei  den  schriftlichen  Übungen,  zumal  in  vollen
Klassen  mit  so  vielen  für  diese  Dinge  gar  nicht  geschaffenen  Schülern,  im  Anfang
  allerdings  nur  etwas  Erträgliches  zustande  kommen,  wenn  man  sich  an
vorsichtig  vorbereiteten  Reproduktionen  „im  Anschluß  an  den  Lesestoff“  genügen
  läßt.  Auch  auf  der  oberen  Stufe  läßt  sich  im  griechischen  Extemporale
nichts  recht  Erfreuliches  erreichen.  Matt  betrieben  und  dem  Niveau  der  Schwächsten
  immer  anbequemt,  führen  diese  Übungen  zu  keinem  Resultat.  Gleichwohl
sind  sie  nicht  gut  zu  entbehren.  Ohne  alle  Versuche,  auch  in  die  fremde
Sprache  zu  übersetzen,  läßt  der  fremdsprachliche  Unterricht  es  zu  keinem
scharfen  Erfassen  des  dieser  Sprache  Eigentümlichen  kommen.  Auf  dem  Griechischen
  würde  ein  hemmender  Druck  liegen,  wenn  die  Prüfungsordnung  verlangte,
  daß  zur  Reifeerklärung  mit  einem  korrekten  oder  gar  gewandt  geschriebenen
  Extemporale  aufgewartet  werden  müßte.  Mit  Maß  und  Verstand  aber
betrieben,  sind  diese  Übungen  im  Gebrauch  der  fremden  Sprache  von  stärkender
  und  klärender  Wirkung  und  gestatten  der  Lektüre  einen  beschleunigteren,
durch  Raten  und  Tasten  nicht  so  oft  aufgehaltenen  Gang.  Ängstlich  bis  ins
einzelne  vorbereitet,  büßen  sie  ihre  Wirkung  ein  und  ähneln  den  alkoholfreien
Bieren  und  nikotinfreien  Zigarren.  Es  ist  begreiflich,  daß  jüngere  Lehrer  diese
Übungen  mit  etwas  zu  großem  Eifer  betreiben,  wie  auch,  daß  ältere  Lehrer
ihrer  überdrüssig  zu  sein  pflegen.  Erleuchtete  Direktoren  und  Schulräte  werden
darüber  wachen,  daB  in  dieser  Hinsicht  das  uEoov  xurd  Tov  boBov  Adyov  ge-‚wahrt
  werde.

Die  grammatische  Behandlung  des  Griechischen  wird  durch  die  voraus-