300  WeıssenreLs:  Das  Griechische.

dieser  Dinge  war  allerdings  die  reiche  Zeit,  die  früher  dem  Griechischen  zugewiesen
  war,  nicht  nötig;  aber  auch  den  Wiederholungen,  die  zur  Befestigung
der  elementaren  Sprachkenntnisse  durchaus  notwendig  sind,  konnte  damals  die
erforderliche  Zeit  gewidmet  werden.  Überdies  gestatteten  die  kleineren  Klassenpensen
  von  früher,  bei  passenden  Gelegenheiten  stillzustehen  und  auf  der
untersten  Stufe  schon  etwas  von  dem  Geiste  der  Alten  in  die  Seelen  der  Schüler
hinüberfließen  zu  lassen.  Jetzt  muß  das  Programm  innegehalten  und  in  einem
beschleunigten  Tempo  unterrichtet  werden,  wenn  die  Zeit  ausreichen  soll.  Auf
Exkurse  und  auf  das  Ausnutzen  günstiger  Stimmungen  muß  nunmehr  verzichtet
werden.  Man  unterrichtet  mit  der  Uhr  in  der  Hand,  und  die  Reformgymnasien,
die  von  dem  schon  beschnittenen  griechischen  Unterrichte  noch  etwas  missen
können,  gleichen  den  transatlantischen  Dampfern  neuester  Konstruktion,  die  zur
Fahrt  nach  New-York  nicht  mehr  ganz  das  frühere  Minimum  der  Zeit  nötig
haben.  Auch  an  jedem  andern  Gymnasium  also  kann  und  soll  das  Griechische
unter  Verwendung  des  beim  deutschen  und  lateinischen  Unterrichte  schon  Gewonnenen
  gelehrt  werden.  Ebenso  ist  man  im  Ausmerzen  des  allenfalls  Entbehrlichen
  überall  schon  bis  an  die  Grenzen  des  noch  Möglichen  gegangen.
Als  Unterschied  zwischen  dem  Reformgymnasium  und  den  anderen  Gymnasien
hinsichtlich  des  Griechischen  bleibt  demnach  nur  dieser  übrig,  daß  dort  dem
Griechischen  wöchentlich  vier  Stunden  weniger  zugewiesen  sind,  welcher  Verlust,
bei  sonst  gleichen  Verhältnissen,  doch  von  der  Lektüre  getragen  werden  müßte.
Nun  muß  man  allerdings  gestehen,  daß  durch  eine  am  Gleichgültigen  klebende
und  dem  Wichtigeren  aus  den  Wege  gehende  Umständlichkeit  der  Interpretation
wie  durch  maßloses  Nachübersetzen  viel  Zeit  vergeudet  werden  kann.  Für  das
Einüben  der  elementaren  Grammatik,  besonders  der  Formenlehre,  haben  alle
ungefähr  dieselbe  Zeit  nötig;  bei  der  Interpretation  aber  schafft  die  verschiedene
Befähigung  der  Lehrenden  Verschiedenheiten,  die  durch  keine  methodische
Propädeutik  des  Unterrichtens  je  werden  ausgeglichen  werden  können.  In
Frankfurt  wird  nach  dem  Ausweis  der  Programme  trotz  der  etwas  geringeren
Stundenzahl  ein  sehr  stattliches  Quantum  griechischer  Lektüre  bewältigt.  Es
wird  offenbar  dort  in  flottem  Tempo  gelesen.  An  sich  ist  es  weder  ein  Verdienst,
  recht  schnell,  noch  eins,  recht  langsam  die  Autoren  zu  erklären.  Die
Langsamkeit  ist  ja  nicht  immer  Gründlichkeit,  und  möglichst  viel  durchstürmt
zu  haben,  bringt  dem  Schüler  auch  keinen  Gewinn.  Aber  so  viel  etwa  wie  in
Frankfurt  müßte  gelesen  werden  können,  ohne  daß  man  darum  auf  Gründlichkeit
  des  Erklärens  und  auf  Ausnutzung  des  Gelesenen  zu  verzichten  brauchte.
Wie  man  aber  auch  kalkulieren  mag,  das  sehr  umständliche  Einüben  der  griechischen
  Formenlehre  kann  man  sich  nicht  ersparen.  Was  man  im  Anfang  in
dieser  Hinsicht  zu  wenig  tut,  muß  später  reichlich  nachgeholt  werden.  Dieser
unentrinnbaren  Schwierigkeit  gegenüber  ist  es  eine  Frage  von  untergeordneter
Bedeutung,  ob  man  gleich  mit  Xenophon  beginnen  soll  oder  nach  einem  absolvierten
  Vorkursus  erst  am  Anfang  des  zweiten  Quartals  oder  nach  einem  halben
Jahre  oder  erst  nach  einem  vollen  Jahreskursus.  Zeit  zu  gewinnen  ist  nur  durch
eine  von  zeitraubenden  Pedanterien  sich  fernhaltende  Behandlung  der  Lektüre.