Die  Schriftstellererklürung.  301

Hilfsbücher  für  den  griechischen  Unterricht  an  Reformschulen:  K.  Reinhardt
  u.  C.  Römer,  Griechische  Formen-  und  Satzlehre  (Weidmann).  —  C.  Bruhn,
Hilfsbuch  für  den  griechischen  Unterricht  nach  dem  Frankfurter  Lehrplan.  2  Teile
(Weidmann).  Man  vergleiche  auch  die  Gutachten  von  Reinhardt,  Matthias,  Harnack  und
Albrecht  in  den  Verhandlungen  über  Fragen  des  höheren  Unterrichts  (1901),  S.259—-281.

IH.  DIE  SCHRIFTSTELLERERKLÄRUNG.

1.  Bei  der  Aufstellung  eines  Kanons  für  die  griechische  Schullektüre
gilt  es  zu  bedenken,  daß  es  nicht  darauf  ankommt,  die  Weiten  der  griechischen
Literatur  durchstürmen  zu  lassen,  sondern  das  Charakteristische  des  in  seiner
Eigenart  noch  nicht  getrübten  Griechentums  vorzuführen.  In  der  nie  recht
klaren  und  schwer  zu  analysierenden  geistigen  und  sittlichen  Atmosphäre  des
modernen  Lebens  soll  der  Verkehr  mit  den  Griechen  der  höherstrebenden  Jugend
die  Fähigkeit  des  natürlichen  Denkens  und  Empfindens  stärken.  Um  zur  Idealität
  erzogen  zu  werden,  dazu  braucht  der  moderne  Mensch  nicht  bei  den  Griechen
in  die  Schule  zu  gehen.  Auch  bedarf  er  ihrer  nicht,  um  zur  Vaterlandsliebe,
zur  Hingabe  an  das  Gemeinwohl,  zum  Heroismus,  zur  militärischen  Tapferkeit
und  zum  Verständnis  militärischer  Vorgänge  erzogen  zu  werden.  Noch  weniger
kommt  es  darauf  an,  ihn  durch  Schriften  der  Griechen  für  die  moderne  Technik
und  die  exakten  Wissenschaften  vorzubereiten.  In  den  Jahren  der  fruchtbarsten
Entwicklung  wird  der  werdende  moderne  Mensch  in  so  weiter  Ferne  mit  Vernachlässigung
  von  so  manchem,  was  ihn  näher  angeht,  vielmehr  deshalb  festgehalten,
  weil  wir  hoffen  dürfen,  daß  ihm  durch  diese  Vergleichung  mit  einer
nicht  durchaus  vorbildlichen,  aber  wegen  ihrer  Einfachheit  und  Natürlichkeit
hervorragend  lehrreichen  Periode  der  Vergangenheit  die  modernen  Tendenzen
auf  dem  Gebiete  des  individuellen  und  staatlichen  Lebens  sowie  auf  dem  der
Kunst  und  Literatur  in  der  Folge  klarer  scheinen  werden.  Wir  dürfen  uns
also,  weil  wir  nur  so  weniges  mit  unseren  Schülern  lesen  können,  nicht  mit
ihnen  an  Schriften  von  bloß  sekundärem  Interesse  verlieren.  Nur  solche  Werke
der  altklassischen  Literatur  gehören  in  die  Schule,  durch  welche  der  Lesende
in  den  Kreis  des  antiken  Empfindens  und  Denkens  gezwungen  und  nahe  an  das
herangeführt  wird,  was  die  Seele  des  Altertums  ausmachte.  Durch  sachliche
Mitteilungen  über  das  Altertum  und  durch  Übersetzungen  könnte  dieses  Ziel
nur  unvollkommen  erreicht  werden.  Es  bedarf  dazu  vielmehr  des  jahrelangen
und  täglichen  Verkehrs  mit  solchen  Werken  der  Literatur,  in  welchen  die  Sprache
mit  ganzer  Kraft  und  Vielseitigkeit  arbeitet.  Die  Sprache  selbst  aber  ist  nicht
bloß  ein  Mittel,  um  zu  jenen  Schätzen  zu  gelangen:  sie  selbst  zeigt  eine  Lebensund
  Weltauffassung  verkörpert  und  nötigt  eine  Art  zu  sehen  und  zu  denken
auf,  ja  sie  wird  dem  Lernenden  eine  sprechende  und  unmittelbare  Offenbarerin
des  antiken  Menschen.  Daraus  folgt,  daß  die  alten  Sprachen  dem  Schüler  vertraut
  gemacht  werden  müssen.  Das  Sprachliche  oberflächlich  treiben,  heißt  die
Zeit  verschwenden.  Wo  andere  Bildungsziele  für  eine  erfulgreiche  Beschäftigung
mit  den  alten  Sprachen  nicht  die  Zeit  übriglassen,  lasse  man  sich  an  Mitteilungen
  über  die  Alten  genügen.  Dazu  werden  zwei  wöchentliche  Stunden