Die  Schriftstellererklärung.  Xenophon.  303

den  guten  verkürzten  Ausgaben  von  C.  Bünger  (Freytag)  und  F.  G.  Sorof
(Leipzig)  geboten  wird,  ist  schon  sehr  viel.  Es  ist  richtig,  daß  auf  ein  mühseliges
  Zusammenbuchstabieren  des  Gelesenen  im  Anfange  bald  ein  Lesen  in
schnellerem  Tempo  folgen  kann.  Auch  das  ist  richtig,  daß  die  Anabasis  nicht
bloß  in  kriegsgeschichtlicher  Hinsicht  interessant  ist,  sondern  daß  sich  auch  für
die  Völkerpsychologie  wie  für  die  individuelle  Psychologie  ihr  viel  Interessantes
abgewinnen  läßt.  Aber  bei  der  schulmäßigen  Langsamkeit  des  Lesens  kann  es
vorkommen,  daß  man  wochenlang  lesend  von  diesem  Ertrag,  der  von  der  Schullektüre
  in  erster  Linie  erwartet  werden  muß,  kaum  ein  Goldkörnchen  zu  sehen
bekommt.  Vor  allem  verdienen  das  erste  und  vierte  Buch  der  Anabasis  gelesen
  zu  werden.  Dazu  müßten  sich  dann  einige  Reden  des  dritten  Buches
gesellen.  Auch  die  Cyropädie  kann  man  nicht  ganz  mit  Schülern  lesen  wollen,
wiewohl  sie,  wie  Cicero  sagt,  nicht  ad  historise  fidem,  sed  ad  effigiem  iusti
imperii  scripta  est  und  also  tieferen  Bildungsbedürfnissen  genügen  will.  Am
wenigsten  ist  dem  mittleren  Teile  abzugewinnen,  der  uns  Cyrus  als  Feldherrn
und  Eroberer  zeigt.  Wunderbar  schön  ist  die  Episode  von  Panthea  und  Abradatas
  im  sechsten  und  siebenten  Buche.  Der  erste  Teil  aber,  die  Kindheit  des
Cyrus,  ist  in  hervorragendem  Grade  zur  Aufangslektüre  geeignet.  Vor  allem
verdient  auch  die  Erzählung  vom  Tode  des  Cyrus  gelesen  zu  werden,  weil  in
ihr  eine  antike  Lebensauffassung  niedergelegt  ist.  Auch  die  Hellenika  enthalten
einige  für  die  Schullektüre  geeignete  Abschnitte,  besonders  in  den  beiden  ersten
Büchern,  vor  allem  die  Schlacht  bei  den  Arginusen  und  der  Feldherrnprozeß,
sodann  die  Erzählung  von  dem  Zerwürfnis  zwischen  Kritias  und  Theramenes,
von  der  Vertreibung  der  Dreißig  und  der  Wiederherstellung  der  früheren  Verfassung.
  Den  Bericht  über  die  Schlachten  bei  Koronea,  Leuktra  und  Mantines
zu  lesen,  ist  aber  zu  widerraten.  Wie  steht  es  nun  mit  den  Memorabilien?
Die  Meinungen  sind  geteilt.  Daß  es  darin  nicht  an  platten  Abschnitten  fehlt,
muß  zugestanden  werden.  Der  Hauptsache  nach  aber  ist  die  Schrift  durchaus
geeignet,  von  der  Empfindungs-  und  Denkweise  des  zu  seiner  Reife  gelangten
Altertums  eine  Vorstellung  zu  gewähren.  Es  werden  darin  vorwiegend  Fragen
von  ewig  menschlicher  Bedeutsamkeit  behandelt  und  die  trotz  ihres  harmlosen
Aussehens  ziemlich  tiefe  Wurzeln  haben.  Dazu  kommt  der  echt  hellenische,
wohltemperierte  Charakter  und  die  im  besten  Sinne  naive  Schreibweise.  Mag
auch  der  fortgeschrittene  Moderne  zu  Xenophons  Gedanken  wie  zu  harmonischen
Plattheiten  lächeln,  es  hat  doch  seinen  Wert,  namentlich  für  die  Jugendbildung,
in  dieser  Weise  mit  sicherer  Hand  auf  der  Karte  des  Lebens  die  Hauptlinien
ziehen  zu  sehen.  Ein  schwerwiegender  Einwand  aber  ist  dieser,  daß  in  dieser
Schrift  Fragen  behandelt  werden,  die  der  Schüler  nachher  bei  Plato  besser  behandelt
  findet.  Wozu  braucht  man  mit  ihm  Xenophon  zu  lesen,  wenn  er  nachher
  in  Plato  einen  zu  höherer  Schönheit  verklärten,  potenzierten  Xenophon
findet?  Das  beste  wäre  wiederum,  wenn  man  aus  Xenophons  Schriften  eine
Chrestomathie  herstellte,  die  in  einer  gediegenen  und  nicht  zu  kurzen  Einleitung
  dem  Schüler  ein  sprechendes  Gesamtbild  von  dem  Wesen  und  von  dem
Leben  dieses  echt  antiken  Menschen  böte  und  aus  allen  seinen  Schriften  die