Xenophon.  Plato.  30D

braucht  die  Schule  nicht  durchaus  zu  verzichten.  Man  lese  daraus  die  Abschnitte,
  aus  denen  sich  ein  Bild  des  damaligen  attischen  Lebens  gewinnen  läßt,
und  dann  vor  allem  die  Rede  des  Sokrates  über  den  Eros  und  die  Lobrede  des
Alkibiades  auf  Sokrates,  aus  welcher  allerdings  eine  kurze  Stelle  auszulassen
wäre.  Doch  wie  soll  sich  die  Schule  zu  dem  berühmten  Staate  Platos  stellen?
Vor  allem  bietet  doch  das  erste  Buch,  der  Dialog  über  die  Gerechtigkeit,  keine
zu  großen  Schwierigkeiten;  aber  er  bedarf  der  Ergänzung.  Wie  kann  man  aber
den  Anfang  des  siebenten  Buches  (514  A  —  521  C),  den  Mythus  von  den  Höhlenbewohnern
  ungelesen  lassen?  Oder  aus  dem  zweiten  Buche  jenen  Abschnitt
von  seelenreinigender  Kraft,  wo  der  unterdrückte  Gerechte  mit  dem  triumphierenden
  Ungerechten  in  Parallele  gestellt  wird,  oder  jenen  andern  am  Schlusse  desselben
  Buches,  wo  bewiesen  wird,  daß  der  Tyrann,  d.  h.  der  Ungerechte,  der
unglücklichste  der  Menschen  ist?  Dazu  müßten  sich  einige  pädagogische  Abschnitte
  aus  dem  dritten  Buche  und  dann  vor  allem  aus  dem  zehnten  Buche
die  Besprechung  Homers  (598  D  —  601  B)  gesellen,  die  doch  dem  ästhetisch
und  philosophisch  gebildeten  Lehrer  eine  passende  Unterlage  bietet  für  die
fruchtbarsten  Erörterungen.  Aber  auch  in  den  entschieden  nicht  zu  lesenden
Dialogen  finden  sich  herrliche  Abschnitte  von  stärkster  anregender  Kraft.  Ich
verweise  z.  B.  auf  die  köstliche,  humorvolle  und  tiefsinnige  Schilderung  des
weltfremden  Philosophen  ım  Theätet  (1720  —  176B).  Aus  dem  Gesagten  ist
klar,  daß  Plato  nach  einer  Chrestomathie  gelesen  werden  müßte!)  Es  würde
sich  empfehlen,  diese  zu  einer  philosophischen  griechischen  Chrestomathie  zu
erweitern,  falls  man  sich  nicht  entschließt,  Cicero  und  Horaz  ernstlich  für  die
Kenntnis  der  außerplatonischen  griechischen  Philosophie  auszunutzen.  In  dieser
Chrestomathie  müßten  Abschnitte  aus  Aristoteles’  Politik  und  Nikomachischen
Ethik  Aufnahme  finden.  Die  Auswahl  wäre  leicht  zu  treffen.  Sind  Aristoteles’
Bücher  über  die  Seele,  sind  auch  seine  physischen  und  metaphysischen
Schriften  zu  schwer  für  die  Schule,  so  kann  man  doch  von  den  beiden  eben
genannten  sagen,  daß  sie  sich  in  einer  durchaus  klaren,  einfachen  und  menschlichen
  Sprache  darbieten.  Auch  aus  seiner  Rhetorik  ließe  sich  manches  aufnehmen.
  Was  die  Poetik  betrifft,  so  würden  zwei  Seiten  elementarer  ästhetischer
  Hauptsachen  daraus  genügen,  um  für  die  deutschen  Stunden  die  sich
daranschließenden  Erörterungen  Lessings  verständlich  zu  machen.  Außerdem
würde  dieser  philosophischen  Chrestomathie  eine  Auswahl  aus  den  Gedanken
Epiktets  und  M.  Aurels  zur  Zierde  gereichen.  Schließlich  kämen  Dion  und
Plutarchs  Moralia  in  Betracht.  Auch  einige  herrliche  Stellen  aus  den  Fragmenten
  Epikurs  würden  in  einer  solchen  Chrestomathie  Platz  finden  dürfen.
Für  solche  vortreffliche  Sachen  wird  man  aber  erst  Zeit  gewinnen,  wenn  man
endlich  mit  der  Meinung  bricht,  das  Hauptziel  der  altsprachlichen  Lektüre  sei,
sich  den  Schüler  einige  politische  und  kriegsgeschichtliche  Hauptmomente  aus
den  Quellen  erarbeiten  zu  lassen.  Hinsichtlich  des  Kriegerischen  und  Heroischen
bietet  die  neuere  Geschichte  ja  einen  viel  reicheren  Bildungsstoff,  und  hinsichtlich

1)  Eine  solche  “Auswahl  aus  Plato’  von  O.  Weißenfels  erscheint  in  allernächster
Zeit  in  der  Ausstattung  unserer  Schülerausgaben.
Handbuch  für  Lehrer  höherer  Bohulen,  20