306  WeissenrsLs:  Das  Ariechische.

des  Politischen  muß  der  Lektürestoff  vielmehr  auf  die  treibenden  Kräfte  des  politischen
  und  sozialen  Lebens  zielen,  als  auf  die  Wirklichkeitspolitik  leitender  Staatsmänner.
  Für  dieses  Ziel  aber  läßt  sich  mehr  gewinnen  aus  Platos  Staat,  aus  Aristoteles’
  Politik,  aus  Ciceros  Schrift  De  re  publica,  als  aus  den  Werken  der  eigentlichen
Historiker,  falls  diese  nicht  zugleich  etwas  Philosophisches  in  ihrer  Anlage  haben.
Bonitz,H.,  Platonische  Studien.  Berlin.  —  Zeller,  E.,  Platonische  Studien.  Tübingen.
—  Windelband,  W.,  Plato.  Fromann.  —  Für  die  Schule  berechnet:  Weißenfels,  O.,
Einleitung  in  die  Schriftstellerei  Ciceros  und  in  die  alte  Philosophie.  Teubner.
Herodot  gehört  in  erster  Linie  zu  den  idealen  Jugendschriftstellern.  Der
Schüler  gelangt  übrigens  bald  dahin,  ihn  schnell  lesen  zu  können.  Seine  liebliche
  ’Iag,  deren  äpısrog  xavmv  er  ist,  sowie  die  anmutige  Natürlichkeit  seiner
Aetıc  elpouevn,  Beine  ydpıg  adbropvis,  wie  Dionysius  sagt,  sichern  ihm  das
Interesse  des  Schülers.  Des  Passenden  bietet  er  so  vieles,  daß  sich  in  der
kurzen  Zeit,  die  ihm  gewidmet  werden  kann,  nur  ein  Teil  davon  bewältigen
läßt.  Doch  kann  man,  auch  aus  ihm  wählend,  falschen  Sternen  folgen.  Vor
allem  erwäge  man,  daß  es  nicht  das  im  engeren  Sinne  Historische  ist,  was
diesen  Vater  der  Geschichte  so  interessant  macht.  Selbst  wenn  er  Kriegsgeschichtliches
  erzählt,  ist  ihm  das  Militärische  und  Taktische  weniger  wichtig
als  das  Menschliche.  Thucydides  und  Polybius  würden  diese  Dinge  ganz  anders
erzählt  und  dem  Historiker  und  militärischen  Berichterstatter  weit  brauchbareres
  Material  geliefert  haben.  Für  die  Bildung  des  heranwachsenden  Geschlechts
  aber  ist  Herodot  viel  ergiebiger.  Die  Geschichte,  bei  ihm  noch  in
der  Kindheit,  hat  sich  noch  nicht  von  dem  gemeinsamen  Untergrunde  alles
menschlichen  Wissens  und  Wissensstrebens  losgelöst.  Ebendas  gibt  seinem
Werke  einen  so  hohen  pädagogischen  Wert.  Er  besitzt  die  ideal  kindliche
Freude  am  Erkennen  und  Erforschen.  Von  liebevoller  Aufmerksamkeit  für  das
Wirkliche  in  seinen  tausend  Gestalten,  fühlt  er  sich  gleichwohl  zugleich  zu
dem  Problem  des  menschlichen  Lebens  mit  nicht  gewöhnlicher  Stärke  hingezogen.
  Aus  dem,  was  er  erfahren  und  gesehen  hat,  sucht  er  eine  Lehre  zu
ziehen.  Sein  Streben  geht  dahin,  das  vielgestaltige  Leben,  das  der  einzelnen
wie  das  der  Völker,  zu  verstehen  und  für  seine  Leser  zu  durchleuchten.  Dabei
hat  er  nie  das  Eigensinnige  und  Tyrannische  des  Doktrinäre..  Wo  tut  er  je
den  Ereignissen  Gewalt  an,  um  sie  mit  einer  vorgefaßten  Meinung  in  Übereinstimmung
  zu  bringen?  Die  moralischen  Sätze  und  Betrachtungen  bei  ihm
machen  den  Eindruck  des  sich  selbst  Darbietenden  und  sind  der  klare  Niederschlag
  der  treu  und  sinnig  erfaßten  Wirklichkeit.  Es  bringt  Gewinn,  in  einer
alt  gewordenen  Zeit  mit  dem  Kinderauge  dieses  alten  loniers  auf  das  Treiben
der  Menschen  und  Völker  geblickt  zu  haben.  Doch  muß  man  sich  gesagt  sein
lassen,  daß  ein  historisches  Ereignis  innerlich  selbst  ganz  bedeutungslos  sein
kann,  trotzdem  es  viel  Lärm  gemacht  und  gewaltige  Folgen  gehabt  hat.  Herodots
  Anekdoten,  Episoden,  Schilderungen  von  Gewohnheiten,  nichthistorische
Reden  sind  ergiebiger  für  die  Zwecke  der  Schule  als  seine  Berichte  über  die
berühmten  Schlachten  der  Perserkriege.  Wer  sich  das  gesagt  sein  läßt,  kann
in  seiner  Wahl  nicht  fehlgreifen.  Übrigens  eignet  sich  dieser  Schriftsteller