Plato,  Herodot,  Thucydides.  507

vorzüglich  zur  Privatlektüre  für  Primaner.  Doch  würde  dazu  eine  Ausgabe
nötig  sein,  die  in  reich  ausgeführter  Einleitung  und  in  reichen  Anmerkungen
unter  dem  Texte  Herodots  ethische,  religiöse,  geschichtsphilosophische  Betrachtungsweise
  zur  Geltung  brächte  und  nicht  durch  alberne  Bilderchen  die  Weihe
der  Auffassung  störte.

5.  Über  Thucydides  sind  die  Meinungen  geteilt.  Er  wird  von  manchen
für  zu  schwer  gehalten.  Natürlich  kann  man  nicht  von  dem  Schüler  verlangen,
daß  er  sich  nach  einer  bloßen  Textausgabe  auf  diesen  Autor  präpariere.  Wer
also  Thucydides  mit  seinen  Schülern  lesen  will,  muß  seiner  Angst,  es  könne
die  erklärende  Ausgabe  vielleicht  hier  und  da  seiner,  des  Lehrers,  Erklärung
vorgreifen,  Schweigen  gebieten.  Dem  griechischen  Unterrichte  fehlt  die  Krönung,
wenn  man  von  Plato  bloß  die  Apologie,  den  Kriton  und  den  Anfang  und  Schluß
des  Phädon  und  von  Thucydides  gar  nichts  liest.  Es  gibt  keinen  Schriftsteller,
aus  welchem  sich  so  viel  historische  Einsicht  gewinnen  ließe  wie  aus  Thucydides..
  Die  bewegenden  Kräfte  alles  politischen  Lebens  stellt  er,  kraftvoll  mit
den  Schwierigkeiten  einer  noch  nicht  recht  gehorssmen  Sprache  ringend,  mit
wundervoller  Klarheit  dar.  Der  Schüler  merkt  sehr  bald,  daß  dieser  Schrift
steller  nie  ein  verworrenes  Gerede  bietet.  Das  gibt  ihm  den  Mut  und  die
Kraft,  sich  den  Sinn  des  Gelesenen  zu  enträtseln.  Freilich  muß  ihm  eine  erklärende
  Ausgabe,  wie  die  von  Fr.  Müller,  zu  Hilfe  kommen.  Man  erwäge  doch
nur,  daß  Griechenland  im  Namen  der  ganzen  Menschheit  für  uns  dasteht  und
nicht  mit  dem  vielen,  was  eine  emsige  Gelehrsamkeit  aus  dem  Grabe  der  Vergangenheit
  hervorzieht,  auf  eine  Stufe  gestellt  werden  darf.  Auch  für  uns  hat
es  gelebt,  gerungen,  gelitten.  Das  eben  macht  nun  den  hohen  Wert  des  Thucydides
  aus,  daß  er,  so  gründlich  eine  an  interessanten  Wechselfällen  reiche  Periode
  der  griechischen  Geschichte  darstellend,  überhaupt  dem  Wesen  nach  so
ziemlich  alles  enthüllt  hat,  was  in  wechselnden  Einkleidungen  immer  wieder  in
verschiedenen  Zeiten  und  bei  verschiedenen  Völkern  in  die  Erscheinung  getreten
  ist.  Dabei  ist  sein  Räsonnement,  auch  wenn  er  dem  xpvnrov  tg  moAırelas
  nachspürt,  von  der  köstlichsten  Naivität,  trotzdem  er  bisweilen,  in  Übereinstimmung
  mit  der  modernen  Sprechweise,  einem  abstrakten  Ausdruck  den
Vorzug  gibt.  Er  besitzt  keine  von  den  liebenswürdigen  Eigenschaften  Herodots,
  nichts  von  seinem  angenehmen  Detail,  nichts  von  seiner  Kunst,  sinnvolle
Anekdoten  zu  erzählen.  Nicht  einmal  die  agierenden  Hauptpersonen  stellt  er,
mit  individuellen  Zügen  ausgestattet,  in  greifbarer  Klarheit  hin.  Dafür  aber
arbeitet  er  ihre  politischen  Ideen  aus  dem  Stoffe  der  Geschichte  in  der  gründlichsten
  Weise  heraus.  Er  bietet  eine  militärische  Erzählung  von  gewissenhafter
  Ausführlichkeit,  läßt  aber,  ganz  auf  das  zö  zi  v  eivaı  im  Aristotelischen
Sinne  gerichtet,  bei  der  Schilderung  der  agierenden  Personen  alles  weg,  was
ihm  für  das  Verständnis  der  politischen  Lage  bedeutungslos  scheint.  Das  macht
ihn  zu  einem  wahren  Lehrmeister  der  politischen  Einsicht.  Dabei  redet  er
nicht  wie  ein  Doktrinär:  sein  Buch  ist  eine  Schule  der  praktischen  Staatskunst
und  zugleich  die  beste  Vorschule  für  alle,  die  einst  mit  politischem  Bewußtsein
in  dem  verwirrenden  Getriebe  des  modernen  Staates  leben  wollen.  An  allge-20*

