308  WeıssenrzLs:  Das  Griechische.

meinen  Schilderungen  nicht  bloß  der  politischen,  sondern  auch  der  sittlichen
Zustände  fehlt  es  bei  ihm  nicht,  aber  seine  Darstellung  nimmt  deshalb  doch
weder  einen  erbaulichen,  noch  einen  philosophischen  Charakter  an.  Er  ist
Philosoph  und  Moralist,  ohne  es  zu  wollen  und  ohne  es  zu  scheinen.  Ganz
auf  das  Politische  und  Kriegsgeschichtliche  sich  beschränkend,  verzichtet  er  auch
auf  alle  Betrachtungen  über  das  Kulturhistorische.  Und  doch  ist  er  stets  der
Teilnahme  jedes  zum  denkenden  Erfassen  Fähigen  sicher.  Vor  allem  verdient
die  Geschichte  der  sizilischen  Expedition  im  sechsten  und  siebenten  Buche  gelesen
  zu  werden.  Nach  Macaulays  Urteil  gibt  es  in  der  Prosaliteratur  keines
Volkes  etwas  Vollendeteres.  Man  wird  immerhin  dem  Wichtigeren  zuliebe  die
rein  militärischen  Abschnitte  auslassen,  obgleich  in  Thucydides’  Darstellung
auch  das  rein  Militärische  für  jeden  interessant  ist.  Es  bieten  sich  hier  zahlreiche
  Möglichkeiten  des  Wählens.  Man  hat  dabei  den  Vorteil,  daß  dem  an
Thucydides  herantretenden  Schüler  eine  elementare  Kenntnis  der  damaligen
griechischen  Zustände  schon  zum  festen  Besitz  geworden  ist.  Die  eingestreuten
Reden  sind  leider  sehr  schwer.  Wie  kann  man  aber  darauf  verzichten  wollen?
Diese  Öngnyoelaı  sind  von  einem  ewigen,  das  kaleidoskopische  Spiel  der  politischen
  Begebenheiten  überdauernden  Werte.  Man  gestatte  nur  dem  Schüler
eine  Ausgabe  mit  Anmerkungen,  selbst  wenn  diese  der  Erklärung  des  Lehrers
vorgreifen  sollte,  und  sei  nachher  zum  Helfen  bereit.  Diese  Reden  sind  ja  auch
nicht  alle  so  schwer  wie  die  berühmte  Leichenrede  des  Perikles.  Die  rekapitulierenden
  und  teils  ergänzenden,  teils  Perspektiven  eröffnenden  Besprechungen,
die  das  erste  Drittel  jeder  Lektürestunde  füllen,  sollten  das  hier  gelesene  kleine
Stück  griechischer  Geschichte  dem  Schüler  zu  einem  xrjua  &amp;  del  zu  machen,
iva  Tolg  napoücıv  Eyacı  ypfodaı  ed.

Dörwald,  P.,  Die  Herodotlektüre  in  OO,  L.L.  37.  —  Helm,  F.,  Materialien
zur  Herodotlektüre.  Darmstadt  1900  u.  1903.  —  Müller,  Fr.,  Thucydides  als  Schullektüre.
  G.  19  u.  20.  —  Einleitung  zur  ed.  savante  des  ersten  und  zweiten  Buches
des  Thucydides  von  A.  Croiset.  Hachette.

6.  Zu  den  seltsamsten  pädagogischen  Verirrungen  unserer  Zeit  gehören  die
Bedenken,  die  gegen  Demosthenes  vorgebracht  sind.  Wenn  irgendeiner,  so
besitzt  er  alle  Eigenschaften  eines  Schulschriftstellers.  In  einer  auf  das  Philosophische
  gerichteten  Zeit  würde  man  es  allenfulls  verstehen,  wenn  man  ihn  als
einen  ausschließlich  mit  den  politischen  Wirren  seiner  Zeit  Beschäftigten  für  die
Bildung  der  Jugend  nicht  brauchbar  gefunden  hätte.  Wie  man  ihn  aber  heute,
wo  die  politischen  Interessen  und  das  nationale  Empfinden  so  hoch  in  der
Schätzung  stehen,  aus  der  Schule  hat  können  verweisen  wollen,  ist  absolut
nicht  zu  verstehen.  Damit  soll  aber  keineswegs  gesagt  sein,  daß  Demosthenes
rein  um  des  politischen  und  nationalen  Interesses  willen  gelesen  werden  müsse.
Nein,  auch  für  das  Ethische,  Psychologische  und  Völkerpsychologische  bieten
seine  Reden  eine  reiche  Ausbeute.

Bei  der  Erklärung  des  Demosthenes  kommt  es  zunächst  darauf  an,  aus
seinen  Reden  ein  anschauliches  Bild  jener  Zeit  erstehen  zu  lassen.  Eine  Rede
des  Demosthenes  ist  freilich  etwas  vielfältig  Bedingtes  und  erklärt  den  Hörern