Thucydides,  Demosthenes.  309

nicht  weitläufig  Vorgänge  und  Verhältnisse,  die  ihnen  bekannt  sind.  Das  Geschehene
  wird  auch  nicht  der  Zeitfolge  nach  darin  erzählt,  soviel  einzelne  bemerkenswerte
  Momente  daraus  auch  berührt,  ja  eingehend  erörtert  werden.  Der
Anfang  vor  allem  setzt  gleich  eine  weitverzweigte  Situation  als  bekannt  voraus.
Um  die  Nebel  der  Unklarheit  zu  verscheuchen,  muß  es  der  Interpret  deshalb
machen  wie  Euripides  in  seinen  Prologen,  wo  er  die  Vorfabel  des  Stückes  kurz
erzählt,  oder,  wie  die  anderen  Meister  des  Dramas  in  ihren  Expositionsszenen,
wo  sie  in  scheinbar  zwangloser,  aber  fein  berechneter  Weise  von  gut  gewählten
Punkten  aus  Lichtstrablen  nach  den  für  das  Verständnis  der  gegenwärtigen
Situation  bedeutungsvollen  Punkten  der  Vergangenheit  fallen  lassen.  Am  geratensten
  möchte  es  aber  sein,  eine  gemischte  Methode  zu  verwenden,  d.  h.  das
durchaus  Notwendige  erzühlend  vorauszuschicken  und  dann  bei  passenden  Gelegenheiten
  im  ersten  Abschnitte  der  Rede  reichere  Erörterungen  einzufügen,
um  in  das  erstarrte  und  verstaubte  Stück  der  Vergangenheit,  welches  eine
politische  Rede  darstellt,  wieder  eine  frische  Färbung  und  Lebenswärme  zu
bringen.  Im  Fortschritte  der  Lektüre  werden  die  Veranlassungen,  stillzustehen
und  von  außen  Licht  heranzuleiten,  immer  seltener  werden,  bis  schließlich  der
Augenblick  kommt,  wo  der  Redner  sich  sozusagen  selbst  erklärt.

Hinsichtlich  des  historischen  Teils  der  Demostheneserklärung  muß  man
sich  gesagt  sein  lassen,  daß  es  nicht  darauf  ankommt,  alles,  was  Tatsächliches
aus  jener  Zeit  überliefert  worden  ist  oder  durch  Vermutungen  leidlich  sichergestellt
  werden  kann,  herbeizuziehen,  sondern  aus  dem  vielen  das  für  den
augenblicklichen  Zweck  Brauchbare  herauszufinden  und  mit  dessen  Hilfe  die
Worte  des  Redners  zu  beleben.

Hauptaufgabe  der  Interpretation  des  Demosthenes  ist  es,  erstens  den  damaligen
  politischen  Zustand  zu  beleuchten  und  als  einen  gewordenen  verständlich
  zu  machen,  sodann  durch  das  aus  der  Nähe  betrachtete  Beispiel  dieser
denkwürdigen  Übergangszeit  eine  Einsicht  in  die  auf  dem  Gebiete  des  Politischen
  überhaupt  waltenden  Kräfte  gewinnen  zu  lassen.  Die  Ziele  der  Interpretation
  des  Demosthenes  sind  also  nicht  wesentlich  von  denen  der  Interpretation
  des  Thucydides  verschieden.  Das  Vergangene  wird  für  den  bildenden
Unterricht  bedeutungsvoll,  wenn  es  die  Kraft  hat,  das  Gegenwärtige  und  im
Grunde  immer  Seiende  in  ein  helleres  Licht  zu  setzen.  Ein  Literaturwerk,  zumal
  ein  fremdsprachliches,  das  dazu  nicht  reiche  Gelegenheiten  bietet,  hat  kein
Anrecht,  aus  dem  vielen,  was  sich  darbietet,  herausgehoben  und  mit  schulmäßiger
Langsamkeit  verarbeitet  zu  werden.  Die  Reden  des  Demosthenes  sind  Beispiele
von  naiver  Klarheit  für  die  Wirkung  der  politischen  Kräfte.  Sie  lehren  nicht
bloß  ein  Stückchen  Vergangenheit  besser  verstehen,  sondern  sind  überhaupt
eine  Schule  der  politischen  Einsicht.  Daß  Demosthenes  durch  seine  Beredsamkeit
  die  Freiheit  Griechenlands  nicht  retten  konnte  und  einer  Kraft  sich  entgegenstemmte,
  von  der  sich  der  nüchterne  Beobachter,  zumal  heute,  auf  die
historische  Entwicklung  zurückblickend,  sagt,  daB  sie  nicht  aufzuhalten  war,
nimmt  seinen  Reden  nichts  von  ihrem  bildenden  Werte.  Auch  kann  man  denen,
die  über  seine  papierenen  Proteste  spotten,  mit  seinen  eigenen  und  zugleich