310  Weıssenrzıs:  Das  Griechische.

mit  Schillers  Worten  antworten,  daß  die  Nation  nichtswürdig  ist,  die  nicht  ihr
alles  setzt  an  ihre  Ehre.  Zurückblickend  auf  die  durchlebte  Zeit,  erklärt  er  in
der  Kranzrede,  daß  er  auch  jetzt,  trotz  allem,  was  geschehen  ist,  selbst  wenn
man  das  alles  hätte  voraussehen  können,  dem  Volke  keinen  anderen  Rat  geben
könnte,  als  sich  gegen  Philipp  mit  Aufgebot  der  ganzen  Kraft  zu  verteidigen.

Hier  eine  Aufzählung  der  Zielpunkte,  welchen  die  Rekapitulationen  des
Gelesenen  und  die  sich  daranschließenden  Verarbeitungen,  die  etwa  das  erste
Drittel  jeder  Lektürestunde  füllen  müssen,  zuzustreben  haben.

Der  Zustand  Griechenlands  in  Demosthenes’  Zeit:  die  dominierenden
  Staaten;  die  Verhältnisse  in  Böotien  und  im  Peloponnes;  der  seit  dem  sogenannten
  Frieden  des  Antalkidas  zunehmende  Partikularismus.

Im  besonderen  der  Zustand  Athens:  die  zunehmende  politische  Gleichgültigkeit;
  im  Gegensatz  dazu  die  politische  Energie  und  Unternehmungslust
der  früheren  Athener;  ihre  zunehmende  Unfähigkeit  zu  militärischen  Anstrengungen;
  die  Klagen  des  Demosthenes  über  ihre  dg®vul«  im  Gegensatz  zu
dem  Lobe,  welches  Perikles  ihnen  in  der  Leichenrede  bei  Thucydides  spendet
(pıAosopoüuev  rev  uaiaxiag);  ihr  ewiger  Mangel  an  Kriegsbereitschaft  und
die  Langsamkeit  ihrer  Rüstungen  und  Unternehmungen;  ihr  ewiges  Zuspätkommen
  (ob  ueverol  ol  xaıpor).  Die  Ursachen  dieser  politisch-militärischen
Ohnmacht  sind  teils  in  der  Verfassung  Athens,  teils  in  den  natürlichen  Gesetzen
der  menschlichen  und  staatlichen  Entwicklung  zu  suchen.  Der  Zustand  ihres
Militärwesens;  ihre  Einnabmequellen  und  die  Verwaltung  ihrer  Finanzen.  Trotz
dieses  leichtsinnigen  Optimismus  sind  sie  in  Demosthenes’  Augen  die  einzigen
unter  den  Griechen,  denen  eine  nationale  Politik  zuzutrauen  ist:  ihnen  das  Bild
ihrer  Vergangenheit  zeigend,  hofft  er  sie  aus  ihrer  Schlaffheit  aufrütteln  zu
können.  Man  vergleiche  mit  den  Athenern,  wie  sie  bei  Demosthenes  sich  darstellen,
  jene  andere  in  dem  Adyog  &amp;xırdpıos  des  Perikles  im  zweiten  Buche
des  Thucydides  gegebene  Charakteristik:  die  Fähigkeit  zu  ernster  Anstrengung
war  ihnen  geschwunden,  die  heitere,  immer  noch  durch  Verständnis  für  das
Schöne  und  durch  geistige  Empfänglichkeit  geadelte  Lebensauffassung  war  geblieben.


Die  Parteien  in  Athen.  Neben  den  eifrigen  Patrioten  gab  es  in  Athen
eine  starke  Partei  von  ehrlichen  Friedliebenden  und  politisch  Entsagenden,  die
man  mit  den  von  Philipp  erkauften  Verrätern  nicht  auf  eine  Linie  stellen  darf.
Demosthenes  selbst  trennte  sich  bisweilen  von  den  zornwütigen  Patrioten  (die
Rede  reel  eiorjvng).  Die  ehrlichen  Friedliebenden  sonderten  sich  wiederum  in
zwei  Parteien:  die  einen  (Phocion)  durchschauten  die  Absichten  Philipps,  glaubten
aber  nicht  mehr  an  die  Widerstandsfähigkeit  Athens,  sodann  die  politischen
Optimisten  (Isokrates),  die  Philipp  für  ehrlich  hielten  und  von  dem  heraufziehenden
  Gewitter  nichts  merkten.  Ihnen  allen  stehen  gegenüber  die  von
Philipp  gewonnenen  oder  geradezu  bestochenen  Verräter  (Äschines,  Philokrates),
die  eigentlichen  Widersacher  des  Demosthenes.

Der  persönliche  Charakter  des  Demosthenes.  Er  verfolgte  seine
Ziele  mit  konzentrierter  Kraft.  Von  kühlster  Besonnenheit,  ist  er  zugleich  fähig,