Demosthenes.  3ll

sich  zu  begeistern  und  kräftig  zu  hassen.  Er  ist  durch  und  durch  Politiker.
Die  anderen  menschlichen  und  persönlichen  Interessen  waren  in  ihm  erstorben.
Seine  Ziele  verfolgte  er  mit  ehrlicher  Offenheit;  doch  hat  auch  er  es  nicht
verschmäht,  auf  die  Verleumdungen  seiner  Gegner  auch  seinerseits  mit  Verleumdungen
  zu  antworten.

Der  Charakter  Philipps  von  Mazedonien.  Philipp  wird  von  Demosthenes
  zugleich  gehaßt  und  bewundert.  Doch  tut  ihm  Demosthenes  unrecht,
wenn  er  ihn  für  einen  unersättlichen  Eroberer  hält.  Um  Mazedonien  in  die
Höhe  zu  bringen,  mußte  Philipp  sich  den  Zugang  zum  Meere  eröffnen.  Dies
war  das  Ziel  seiner  ehrgeizigen,  aber  nicht  eroberungssüchtigen  Politik.  An
zäher  Beharrlichkeit  stand  er  dem  Demosthenes  nicht  nach:  Erfolge  berauschten
ihn  nicht,  Mißerfolge  entmutigten  ihn  nicht.  Seiner  Leidenschaften  war  er  in
einem  bewunderungswürdigen  Grade  Herr.  Weder  durch  die  Rachsucht,  noch
durch  den  Ehrgeiz  hat  er  sich  zu  Übereilungen  hinreißen  lassen.  Er  hielt  sich
bereit,  wartete  aber  geduldig,  bis  der  günstige  Augenblick  da  war.  Ursachen
seiner  Überlegenheit:  er  verfügte  über  eine  stets  kriegsbereite,  gut  disziplinierte
Truppenmacht  von  einer  für  jene  Zeit  ansehnlichen  Stärke,  als  Feldherr  wie  als
Staatsmann  war  er  durch  keinerlei  Rücksichten  in  seinen  Entscheidungen  gehindert,
  er  besaß  ein  hervorragendes  diplomatisches  Geschick.  Seine  diplomatischen
Mittel:  er  war  bei  Verhandlungen  äußerlich  stets  entgegenkommend  und  von
gewinnender  Höflichkeit  und  zu  Versprechungen  stets  bereit,  er  wußte  seine
Pläne  zu  maskieren  und  die  Aufmerksamkeit  der  Gegner  von  seinen  wahren
Zielen  abzulenken,  durch  berechnende  Freundlichkeit  und  durch  offenbare  Bestechung
  wußte  er  an  allen  Punkten  willige  und  einflußreiche  Helfer  zu  gewinnen.
  Gelegentlich  beruhigte  er  auch  die  durch  die  Warnungen  der  nationalen
Partei  hervorgerufene  Aufregung  durch  falsche  Gerüchte,  die  er  geschickt
lancierte,  ja  bisweilen  durch  wirkliche  Zugeständnisse.

Der  Charakter  der  Demosthenischen  Beredsamkeit.  Hinsichtlich
der  drei  Arten  der  Beredsamkeit  (tenue,  medium,  grande  genus)  sei  auf  Cicero
verwiesen.  Dieser  erblickt  in  der  Beredsamkeit  des  Demosthenes  die  reifste  und
vielseitigste  Gestaltung  der  attischen  Beredsamkeit.  Deshalb  übersetzt  er  dessen
Kranzrede,  zugleich  mit  der  des  Äschines,  um  die  Meinung  der  römischen  Neuattiker,
  deren  Ideal  das  loyvor  yevos  des  Lysias  war,  zu  widerlegen.  Vgl.  seine
Schrift  de  optimo  oratorum  genere.  Demosthenes  weiß  alle  drei  Arten,  eine
jede  an  ihrer  Stelle,  zu  handhaben.  Der  strenge  Attizismus  geht  freilich  im
Maßhalten  bisweilen  zu  weit.  Non  semper  implet  aures  meas,  sagt  Cicero  von
Demosthenes.  Man  halte  die  kurz  abbrechenden  Schlüsse  des  griechischen  Redners
  gegen  die  prächtig  ausklingenden  perorationes  Ciceros.  Gegensätze  im
Charakter  und  in  der  Beredsamkeit  des  Demosthenes:  er  ist  leidenschaftlich
und  doch  besonnen,  enthusiastisch  und  zugleich  kühl  berechnend,  und  stellt
stets  klar  formulierte  und  ausführbare  Forderungen  (Regelung  der  Finanzen
und  des  Militärwesens,  erhöhte  Kriegsbereitschaft  durch  Schaffung  eines  kleinen
stehenden  Heereg,  Beschränkung  des  Söldnerwesens  durch  geregelte  Heranziehung
athenischer  Bürger  zum  Kriegsdienst,  athenische  Schiffsstationen  in  der  Nähe  der