312  Weıssenreıs:  Das  Griechische.

durch  Philipp  bedrohten  Plätze,  Ordnung  der  Zufuhr  und  Besoldung  im  Kriege).
Er  ist  Realist  (sein  Bild  der  Zukunft  ruht  auf  dem  Grunde  der  athenischen
Vergangenheit,  er  ist  ein  Feind  alles  Hochgespannten  und  Unklaren,  seine  Forderungen
  müssen  den  Angehörigen  eines  modernen  Staates  sehr  bescheiden  erscheinen),
  zugleich  aber  auch  Idealist  (selbst  das  Unmögliche,  lehrt  er,  müsse
ein  Volk  wagen,  um  seine  Ehre  und  seine  Freiheit  zu  verteidigen).  Der  Bildungsgang
  des  Demosthenes:  er  hatte  gegen  natürliche  Hindernisse  seiner
Aussprache  zu  kämpfen,  auch  bereitete  ihm  die  Aktion  lange  Zeit  Schwierigkeiten.
  Endlich  gelangte  er  zu  jener  Reife  des  Stils  und  des  Vortrags,  in
welcher  die  Kunst  mit  der  Natur  ausgesöhnt  scheint.  Und  doch  ist  Demosthenes
kein  reiner  Vertreter  des  athenischen  und  attischen  Geistes.  Erstens  fehlt  ihm
nicht  bloß  der  Leichtsinn  der  damaligen  Athener,  sondern  auch  der  gute  leichte
Sinn,  den  Perikles  bei  Thucydides  seinen  Athenern  nachrühmt.  Seine  Gegner
nannten  ihn  mürrisch,  pessimistisch,  einen  Wassertrinker.  Das  Unglück  seiner
Jugend  (die  ungetreuen  Vormünder),  die  anfänglichen  Mißerfolge  als  Redner,  das
Unglück  Athens  hatten  seinem  von  Natur  ernsten  Wesen  etwas  Hartes  und  Herbes
gegeben.  Auch  besitzt  er  nicht  die  echt  attische  Gabe  des  geistreichen  Witzes.
Seine  Scherze  haben  stets  einen  bitteren  Beigeschmack,  weil  die  Entrüstung  sie
ihm  eingegeben  hat.

Welche  Reden  des  Demosthenes  eignen  sich  zur  Schullektüre?
In  erster  Linie  die  allerorten  bisher  gelesenen:  die  erste  Rede  gegen  Philipp,
die  drei  kurzen,  aber  Leben  und  Leidenschaft  sprühenden  Olynthischen,  die  sehr
nachdrückliche,  klare,  besonnene  Rede  sol  ziorjvng,  die  zweite  und  dritte  Rede
gegen  Philipp,  die  reei  röv  Ev  Xepgovion.  Man  braucht  sie  nicht  alle  mit
Schülern  zu  lesen,  um  daraus  den  oben  skizzierten  Ertrag  der  Demostheneslektüre
  gewinnen  zu  lassen.  Denn  Demosthenes  ist  kein  an  Gedanken  reicher
Redner.  Er  sagt  dasselbe  immer  wieder,  so  oft  es  die  Lage  des  Staates  zu
erfordern  scheint.  Aber  diese  wenigen  Gedanken  leben  in  seinen  Reden.  Er
zielt  stets  auf  den  Kern  der  Sache.  Über  den  genannten  Kreis  von  Reden
hinauszugehen  ist  im  Interesse  des  Schülers  nicht  nötig.  Aber  der  Lehrer
hat  vielleicht  gerade  Demosthenes  gegenüber  das  Bedürfnis  der  Abwechslung.
Mag  er  immerhin  also  statt  jener  Reden  mit  der  nächsten  Schülergeneration
die  berühmte  Kranzrede  lesen.  Auch  aus  dieser  läßt  sich  alles  gewinnen,  was
der  Schüler  aus  Demosthenes  gewinnen  soll.  Diese  Rede  kann  freilich  nicht
ganz  gelesen  werden.  Auszuscheiden  wäre  jedenfalls  der  Abschnitt,  der  die
juristische  Rechtfertigung  des  von  Ktesiphon  gestellten  Antrages  enthält  ($  110
bis  125),  sodann  jener  sich  daran  schließende  andere  über  die  Geburt  und
das  Leben  des  Äschines  ($  126—159).  Natürlich  ließe  sich  auch  aus  der  Rede
weol  ng  napanoeoßeles  vor  allem  und  aus  der  Midiana  eine  passende,  für  ein
Semester  ausreichende  und  für  alle  Aufgaben  der  Demostheneslektüre  ergiebige
Zusammenstellung  machen.  Die  Bewunderung  pflegt  sich  auf  einen.  immer
kleineren  Kreis  zusammenzuziehen.  Das  zeigt  auch  die  Geschichte  der  Beschäftigung
  mit  Demosthenes.  Es  ist  dann  von  erfrischender  Wirkung,  wenn  von
Zeit  zu  Zeit  die  starr  gewordene  Tradition  durchbrochen  wird.  Gleichwohl