Demosthenes,  Homer.  313

möchte  jedem  Lehrer  zu  raten  sein,  zunächst  sich  an  jenen  zuerst  genannten
Reden  kleineren  Umfangs  genügen  zu  lassen  und  erst,  wenn  er  aus  dem  Vollen
schöpfen  kann,  mit  seinen  Schülern  ausgewählte  Abschnitte  aus  jenen  drei  großen
Reden  zu  lesen.

Fr.  Blaß,  Die  attische  Beredsamkeit  (Teubner).  —  Ed.  Norden,  Die  antike
Kunstprosa  (Teubner).  —  A.  Schäfer,  Demosthenes  und  seine  Zeit  (Teubner).  —
R.  Volkmann,  Die  Rhetorik  der  Griechen  und  Römer  (Teubner).  —  Dettweiler,  P.,
Eine  Demosthenesstunde  in  UI.  L.L:  10.  —  Middendorf,  Die  Auswahl  der  in
Prima  zu  lesenden  Reden  des  Demosthenes.  Z.G.  W.  1898.  —  Einleitung  zur  ed.
savante  von  H.  Weil.  Hachette..  —  Weißenfels,  O.,  Einleitung  in  die  rhetorischen
Schriften  Ciceros,  S.  29—48.  Teubner.

7.  Unter  den  griechischen  Dichtern  ist  Homer  derjenige,  mit  welchem
der  Schüler  am  längsten  und  am  meisten  zu  tun  hat.  In  ihn  kann  er  sich
wirklich  einlesen.  Was  aber  lange  Zeit  wirken  darf,  wirkt  unwiderstehlich
durch  seine  eigene  Kraft.  So  könnte  es  denn  überflüssig  scheinen,  für  die
Behandlung  Homers  methodische  Vorschriften  geben  zu  wollen.  Aber  die
Methode  lehrt  Zeit  gewinnen.  Heute  überdies,  wo  vielen  der  natürliche  Lehrinstinkt
  durch  mannigfaltige  und  zum  Teil  recht  bedenkliche  Theorien  getrübt
  wird,  bedarf  es  der  Gegenwirkungen  und  der  Klärung  des  pädagogischen
Bewußtseins.

In  welcher  Absicht  also  lesen  wir  trotz  des  großen  und  mannigfaltigen
Reichtums  der  modernen  Literaturen  immer  noch  Homer  mit  unseren  Schülern?
Ist  es,  um  ihnen  einen  ästhetischen  Genuß  zu  verschaffen?  Oder  damit  sie
literarische  Bildung  erwerben  und  mit  Dichtungen  bekannt  werden,  von  denen
so  viel  Einwirkungen  ausgegangen  sind,  von  denen  so  viel  die  Rede  gewesen  ist?
Oder  soll  ihnen  Homer  eine  Quelle  historischer  Bildung  werden?  Oder  soll  er
dem  werdenden  modernen  Menschen  vielleicht  gar  ein  Erzieher  zur  Sittlichkeit
sein,  in  welcher  Hinsicht  ja  schon  Horsz  ihm  vor  den  berühmtesten  philosophischen
  Tugendpredigern  den  Vorzug  gab  (epist.  I,  2)?

Alle  diese  Gesichtspunkte  haben  ihr  Maß  von  Berechtigung.  Die  Einbildungskraft
  verlangt  in  der  Jugend  nach  Gelegenheiten,  sich  zu  betätigen.
Auch  läßt  sie  sich  nicht  völlig  mit  moderner  Kost  sättigen:  sie  verlangt  nach
Märchen  und  Sagen,  nach  Heldentum  und  Abenteuern.  Die  gewaltigen  Dimensionen,
  das  Überstarke  und  Übermenschliche  sowie  die  aller  Wahrscheinlichkeit
spottenden  Wunder  der  Sage  entsprechen  gerade  ihrem  Sehnen.  Aber  die
Freude  am  Phantastischen  läßt  heute  schon  im  Jünglingsalter  nach,  ohne  ganz
zu  ersterben.  An  ihre  Stelle  tritt  das  tief  menschliche  Interesse  für  das  Psychologische.
  Trotz  der  seltsamen  Einkleidungen,  zu  denen  man  wohl  bisweilen
lächelt,  ohne  sie  aber  deshalb  für  kindisch  zu  halten  und  hinwegzuwünschen,
erkennt  man  in  jenen  alten  Erzeugnissen  der  dichtenden  Volksphantasie  den
Kern  seines  eigenen  Wesens  wieder,  und  eben  weil  das  darin  Gebotene  in  der
Form  so  stark  von  dem  heute  sich  ohne  Unterlaß  an  unsere  Sinne  Drängenden
abweicht,  sehen  wir  das  Wesentliche  und  allen  Wechsel  der  Zeiten  Überdauernde
  von  dem  Unwesentlichen  und  Wandelbaren  sich  deutlicher  darin