314  Weıssenreıs:  Das  Griechische.

sondern  als  in  den  Meisterwerken  der  modernen  Literatur.  Aber  auch  die
Rücksicht  auf  die  literarische  Bildung  hat  ihre  Berechtigung.  Auch  wer  dem
äußeren  Bildungsfirnis  keine  Bedeutung  beimißt,  wird  doch  gestehen,  daß  die
Frage  nach  dem  Ursprunge  und  Wesen,  nach  der  Pflege  und  Fortpflanzung  des
Epos  über  gewisse  fundamentale  Bedürfnisse  der  menschlichen  Natur  eine  ebenso
fördernde  als  genußreiche  Aufklärung  verschafft.  Schwieriger  ist  die  Antwort
auf  die  Frage,  was  Homer  heute  zur  historischen  Bildung  beitragen  kann.  Es
ist  klar,  daB  man  nicht  Geschichte  im  gewöhnlichen  Sinne  aus  diesen  Dichtungen
lernen  kann.  Aber  Zustände  lernt  man  aus  ihm  kennen,  die  uns  die  uralten
einfachen  Gegenbilder  unserer  klug  ausgestalteten,  oft  aber  auch  der  Natur  und
Wahrheit  untreu  gewordenen  Zustände  zeigen.  So  leistet  er  hinsichtlich  des
Kulturhistorischen  wie  hinsichtlich  des  Psychologischen  den  unschätzbaren
Dienst,  die  zu  einem  tieferen  Erfassen  Fähigen  und  in  ihrem  künftigen  Leben
zum  Wirken  auf  andere  Berufenen  während  der  für  ihre  Lebensauffassung  entscheidungsvollen
  Jahre  fortwährend  an  das  Ursprüngliche  zu  erinnern  und  die
Nebel  immer  wieder  zu  verscheuchen,  welche  die  Zeit  über  ihre  Augen  zu
legen  trachtet.  Dieses  kulturhistorische  Interesse  ist  von  höchster  Bedeutung
in  den  Augen  jedes,  der  nicht  ganz  im  gewöhnlichen  Sinne  zum  Utilitarier  geworden
  ist.  Auch  in  dem  homerischen  Kulturbilde  fehlt  es  nicht  an  Abirrungen
von  den  Tendenzen  der  menschlichen  Natur.  Man  weihe  ihm  also  keinen  abergläubischen
  Kultus.  Aber  das  mit  der  Sicherheit  eines  glücklichen  Instinktes
getroffene  Richtige  ist  doch  dort  die  Regel,  so  daß  er  denen,  die  sich  in  dem
heutigen  Gewirre  der  Stimmen  in  der  Stille  sammeln  und  auf  das  Menschliche
besinnen  wollen,  bald  wie  ein  Offenbarer  der  Natur  und  Wahrheit  erscheint.
Was  dagegen  dem  in  der  Odyssee  und  der  Ilias  Erzählten  Historisches  zugrunde
liege,  das  ist  eine  Frage,  welche  für  die  Schule  kaum  in  Betracht  kommt.  Es
genügt,  daB  der  Schüler  erfährt,  aus  welchem  Material  sich  ein  in  natürlicher
Weise  entstandenes  Epos  aufbaut.  Tiefer  in  diese  Frage  bei  der  Erklärung
einzudringen,  würde  nur  dann  nötig  sein,  wenn  jene  historischen  Tatsachen
dem  Samenkorne  glichen,  aus  welchem  sich  durch  einen  organischen  Prozeß
der  Baum  entwickelt.  Wer  kann  das  aber  sagen?  Hat  die  Volksphantasie
sich  eines  Ereignisses  bemächtigt,  so  entwickelt  sie  es  mit  frei  schaffender
Kraft  und  macht  daraus  etwas,  was  mit  seinen  Ursprüngen  bald  kaum  noch
etwas  gemein  hat.  Für  das  Verständnis  Homers  trägt  diese  Art  der  historischen
Betrachtung  also  nicht  eben  viel  bei;  aber  man  begreift,  daß  eine  ältliche
Wissenschaft  sich  gern  auf  einem  Boden  tummelt,  der  einen  unendlichen  Hypothesenreichtum
  in  seinem  Schoße  birg.  Man  kann  heute  auch  den  Schüler
unmöglich  in  dem  Glauben  lassen,  die  Ilias  und  Odyssee  seien  ebenso  entstanden
wie  die  Äneide  oder  die  Epen  der  neueren  Literatur.  Es  ist  aber  ausreichend,
wenn  er  in  den  griechischen  oder  auch  in  den  deutschen  Stunden  von  der  Art
des  Werdens  und  Wachsens  des  epischen  Gesanges  eine  Vorstellung  gewinnt.
Auch  mag  ihm  diese  Theorie  an  einigen  eklatanten  Beispielen  erläutert  werden.
Wer  aber  diese  Grenzen  überschreitet  und  sich  bei  der  Erklärung  Homers  in
das  Gebiet  der  unlösbaren  und  ewig  umstrittenen  Fragen  wagt,  der  bietet  seinen